Affine Abbildung
In der Geometrie und in der Linearen Algebra, Teilgebieten der Mathematik, ist eine affine Abbildung (auch affine Transformation genannt, insbesondere bei einer bijektiven Abbildung) eine Abbildung zwischen zwei affinen Räumen, bei der Kollinearität, Parallelität und Teilverhältnisse bewahrt bleiben oder gegenstandslos werden. Präziser formuliert:
- Die Bilder von Punkten, die auf einer Geraden liegen (d. h. kollinear sind), liegen wieder auf einer Geraden (Invarianz der Kollinearität). Dabei können auch alle - aber dann alle und nicht nur einige - Punkte einer Geraden auf einen Punkt abgebildet werden.
- Die Bilder zweier paralleler Geraden sind parallel, wenn keine der beiden Geraden auf einen Punkt abgebildet wird.
- Drei verschiedene Punkte, die auf einer Geraden liegen (kollineare Punkte), werden so abgebildet, dass das Teilverhältnis ihrer Bildpunkte mit dem der Urbildpunkte übereinstimmt - es sei denn, alle drei werden auf denselben Bildpunkt abgebildet.
Eine bijektive affine Abbildung eines affinen Raumes auf sich selbst wird Affinität genannt.
In der Schulmathematik und manchen Anwendungsgebieten (zum Beispiel in der Statistik, siehe unten) werden spezielle affine Abbildungen auch lineare Abbildung oder lineare Funktion genannt. Im allgemeinen mathematischen Sprachgebrauch ist eine lineare Abbildung jedoch ein Homomorphismus von Vektorräumen.
Definition
Eine Abbildung
zwischen affinen Räumen
und
heißt affine Abbildung, wenn es eine lineare Abbildung
zwischen den zugehörigen Vektorräumen gibt, so dass
für alle Punkte
gilt. Dabei bezeichnen
und
die Verbindungsvektoren der Urbild- bzw. der Bildpunkte.
Koordinatendarstellung
Dieser Abschnitt befasst sich mit affinen Abbildungen zwischen endlichdimensionalen affinen Räumen.
Affine Koordinaten
Wenn sowohl im Urbildraum
als auch im Bildraum
ein affines
Koordinatensystem fest gewählt worden ist, dann setzt sich bezüglich dieses
Koordinatensystems eine affine Abbildung aus einer linearen Transformation und
einer Parallelverschiebung
zusammen. Die lineare Transformation lässt sich dann als Matrix-Vektor-Produkt
schreiben und die affine Transformation
ergibt sich aus der Matrix
(der Abbildungsmatrix)
und dem Verschiebungsvektor
:
Die Koordinatenvektoren
und
sind in dieser Schreibweise Spaltenvektoren und stellen die affinen Koordinaten
der Ortsvektoren eines
Urbildpunktes bzw. eines Bildpunktes dar. Die Anzahl der Zeilen der Matrix
ist gleich der Dimension
des Raumes
,
in den abgebildet wird (Wertevorrat), die Anzahl ihrer Spalten ist gleich der
Dimension des abgebildeten Raumes
.
Die Dimension des Bildraumes
der affinen Abbildung ist gleich dem Rang
der Abbildungsmatrix
.
Bei einer affinen Selbstabbildung eines affinen Raumes wird nur ein
affines Koordinatensystem gewählt, die Koordinatenvektoren
und
beziehen sich also auf dasselbe Koordinatensystem, die Abbildungsmatrix
ist quadratisch, d.h. ihre Zeilen- und Spaltenzahl ist gleich. In diesem
Zusammenhang ist es üblich, den affinen Raum mit dem zugehörigen Vektorraum der
Verschiebungen zu identifizieren. In diesem Sinn umfassen die affinen
Selbstabbildungen alle linearen
Abbildungen (mit
)
und ergänzen diese um einen Translationsanteil.
Eine affine Selbstabbildung ist genau dann eine Affinität, wenn die Determinante
der Abbildungsmatrix
ungleich 0 ist.
Homogene Koordinaten und Erweiterte Abbildungsmatrix
Wählt man zur Darstellung sowohl im Urbildraum
als auch im Bildraum
homogene affine Koordinaten, dann lässt sich der Verschiebungsvektor
mit der Abbildungsmatrix
zu einer erweiterten Abbildungsmatrix
zusammenfassen:
dabei ist
der transponierte Nullvektor im Vektorraum, der zu
gehört.
Die Abbildungsgleichung lautet dann für homogene Koordinatenvektoren
.
Bei dieser Darstellung der erweiterten Matrix wird als homogenisierende
Koordinate eine zusätzliche Koordinate
an den Spaltenvektor
angefügt:
.
Diese Darstellung durch homogene Koordinaten kann als eine Einbettung des affinen Raumes in einen projektiven Raum der gleichen Dimension interpretiert werden. Dann sind die homogenen Koordinaten als projektive Koordinaten zu verstehen.
Klassifikation der ebenen Affinitäten
Affinitäten werden generell zunächst danach unterschieden, wie viele Fixpunkte
sie haben. Dies gilt auch, wenn der affine Raum mehr als zwei Dimensionen hat.
Ein Punkt ist Fixpunkt, wenn er durch die Affinität auf sich selbst abgebildet
wird. In der Koordinatendarstellung kann man den Koordinatenvektor
eines Fixpunkts bestimmen, indem man das Gleichungssystem
löst. Man beachte, dass auch für
Fixpunkte existieren können!
- Achsenaffinität: Eine ebene Affinität, bei der genau eine Gerade punktweise fix bleibt, sie wird Achse der Affinität genannt. Dazu zählen die Scherung, Schrägspiegelung (speziell die senkrechte Achsenspiegelung) und die Parallelstreckung.
- Affinität mit einem Zentrum (Zentrale Affinität): eine Affinität,
bei der genau ein Punkt fix bleibt, das Zentrum
der Affinität. Dazu zählen die Drehstreckung (mit den Spezialfällen zentrische Streckung, Drehung und Punktspiegelung), die Scherstreckung und die Euleraffinität.
- Affinitäten ohne Fixpunkt: Das sind die reinen Verschiebungen und Hintereinanderausführungen einer Achsenaffinität und einer Verschiebung (Scherung mit Verschiebung in eine von der Achsrichtung verschiedene Richtung oder Parallelstreckung/Schrägspiegelung mit einer Verschiebung in Richtung der Achse).
Ausführlicher und verallgemeinert auf höhere Dimensionen wird die Klassifikation im Hauptartikel Affinität (Mathematik) dargestellt.
Normalform der Koordinatendarstellung für ebene Affinitäten
Eine ebene Affinität wird auf Normalform gebracht, indem man für ihre
Koordinatendarstellung eine geeignete affine Punktbasis wählt. Dazu wird, wo
immer das möglich ist, der Ursprung des Koordinatensystems in einen Fixpunkt und
die Achsen des Koordinatensystems in Richtung von Fixgeraden
gelegt. Die folgenden Normalformen gelten für Affinitäten in der reellen affinen Ebene. Im
Falle einer fixpunktfreien Affinität ist außer der Abbildungsmatrix
noch ein Verschiebungsvektor
zur Beschreibung der Affinität nötig.
- Achsenaffinitäten (Fixpunkt ist neben dem Ursprung
jeweils der erste Basispunkt
):
- Scherung
- Schrägspiegelung
- Parallelstreckung
- Scherung
- Zentrale Affinitäten (Fixpunkt ist der Ursprung, als Koordinatenachsen
werden womöglich die Richtungen der Eigenvektoren der Matrix
gewählt.)
- Drehstreckung
dabei ist
der Streckfaktor und
der Drehwinkel,
- Scherstreckung
- Euleraffinität
- Drehstreckung
Diese Klassifikation der Affinitäten gilt auch allgemeiner bei einer affinen
Ebene zum Vektorraum ,
wenn
ein euklidischer
Teilkörper der reellen Zahlen ist. Dabei gilt dann für die Matrixeinträge
zusätzlich:
.
Bei Drehstreckungen ist im Allgemeinen – auch wenn die Ebene eine euklidische
Ebene mit Bogenmaß ist – das Winkelmaß
selbst kein Körperelement.
Spezialfälle
- Eine affine Abbildung eines Raumes in sich selbst wird als affine Selbstabbildung bezeichnet. Ist diese Selbstabbildung bijektiv (umkehrbar eindeutig), heißt sie Affinität.
- Eine Affinität, bei der jede Gerade zu ihrer Bildgeraden parallel ist, heißt Dilatation oder Homothetie. Die Parallelverschiebungen sind spezielle Homothetien.
- Eine affine Selbstabbildung, bei der der euklidische Abstand von Punkten erhalten bleibt, heißt Bewegung oder, insbesondere im ebenen Fall, Kongruenzabbildung, solche Bewegungen sind notwendig bijektiv, also Affinitäten.
- Wichtige affine Selbstabbildungen, die nicht bijektiv sind, sind die Parallelprojektionen,
bei denen der affine Raum
auf einen echten Teilraum
abgebildet wird und die Einschränkung auf
die Identische Abbildung ist.
- Eine affine Abbildung eines affinen Raumes in den Grundkörper dieses Raumes, der dabei als eindimensionaler affiner Raum über sich aufgefasst wird, bezeichnet man gelegentlich als affine Funktion.
Anwendungen
Graphische Anwendungen, Computergraphik
Affine Abbildungen kommen z. B. in der Kartografie und der Bildbearbeitung zur Anwendung.
- Affine Abbildungen, die häufig zum Beispiel in der Robotik oder Computergrafik Anwendung finden, sind Drehung (Rotation), Spiegelung, Skalierung (Veränderung des Maßstabs), Scherung und Verschiebung (Translation). Alle genannten Abbildungen sind bijektiv.
- Wenn dreidimensionale Körper zeichnerisch oder graphisch - also in zwei Dimensionen - dargestellt werden sollen, werden nichtbijektive affine Abbildungen benötigt.
-
- Hierzu gehört die Parallelprojektion mit den Parallelrissen (Grundriss, Aufriss, Kreuzriss) als Spezialfällen.
- Die Zentralprojektion ist im Allgemeinen keine affine Abbildung. Sie gehört zu den Projektiven Abbildungen, einer Verallgemeinerung der affinen Abbildungen.
- Daneben gibt es weitere graphische Darstellungen, denen keine affine Abbildung zugrunde liegt, zum Beispiel für Landkarten die Mercator-Projektionen.
- Bei der standardisierten Beschreibung von Vektorgrafiken werden ebenfalls affine Abbildungen eingesetzt (zum Beispiel im SVG-Format).
Lineare Transformation in der Statistik
Als lineare Transformation werden affine Abbildungen beispielsweise in den statistischen Methoden eingesetzt.
Verteilungsparameter einer Zufallsvariablen
Betrachtet wird eine Zufallsvariable
mit dem Erwartungswert
und der Varianz
.
Es wird eine neue Zufallsvariable gebildet, die eine lineare Transformation von
ist,
wobei
und
reelle
Zahlen sind.
Die neue Zufallsvariable
hat dann den Erwartungswert
und die Varianz
Speziell gilt: Ist
normalverteilt,
so ist auch
normalverteilt mit den obigen Parametern.
- Beispiel
Sei
eine Zufallsvariable mit positiver Varianz. Nützlich ist dann eine lineare
Transformation
denn nun ist
mit
und
eine sogenannte standardisierte Zufallsvariable.
Verteilungsparameter mehrerer gemeinsam verteilter Zufallsvariablen
Betrachtet werden
viele Zufallsvariablen
,
.
Man fasst diese Zufallsvariablen im Zufallsvektor
zusammen. Die Erwartungswerte werden im Erwartungswertvektor
und die Varianzen und Kovarianzen in der Kovarianzmatrix
aufgeführt. Es wird ein Zufallsvektor
gebildet, der eine lineare Transformation von
ist,
wobei
ein
-dimensionaler
Spaltenvektor
und
eine (
)-Matrix
(
)
sind.
hat dann den Erwartungswertvektor
und die Kovarianzmatrix
.
Speziell gilt: Ist
-dimensional
normalverteilt, so ist
-dimensional
normalverteilt mit den obigen Verteilungsparametern.
Siehe auch
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 19.12. 2020