Spin
Spin | Typ | Teilchen (Beispiele) |
---|---|---|
Boson | Higgs-Boson | |
Fermion | Elektron, Neutrino, Quarks | |
Boson | Photon, Gluon, W-Boson und Z-Boson | |
Fermion | supersymmetrische Teilchen (hypothetisch) | |
Boson | Graviton (hypothetisch) |
Spin (von englisch spin ‚Drehung‘,
‚Drall‘) ist in der Teilchenphysik der Eigendrehimpuls
von Teilchen. Bei den fundamentalen
Teilchen ist er wie die Masse eine unveränderliche
innere Teilcheneigenschaft. Er beträgt ein halb-
oder ganzzahliges Vielfaches (Spinquantenzahl) des reduzierten
planckschen Wirkungsquantums .
Abgesehen davon, dass er nicht durch die (Dreh-)Bewegung einer Masse
hervorgerufen wird, hat er alle Eigenschaften eines klassisch-mechanischen
Eigendrehimpulses, insbesondere bezüglich Drehimpulserhaltung
und Koordinatentransformationen,
und ist damit auch ein Axialvektor.
Der Spin kann nur quantenmechanisch verstanden werden.
Das Spin-Statistik-Theorem
verbindet den Spin eines Teilchens mit der Art der statistischen Beschreibung
mehrerer gleicher Teilchen: Teilchen mit einer halbzahligen Spinquantenzahl
befolgen die Fermi-Dirac-Statistik
und heißen Fermionen, Teilchen mit einer
ganzzahligen Spinquantenzahl befolgen die Bose-Einstein-Statistik
und heißen Bosonen.
Bisher sind fundamentale Teilchen mit Spins
bekannt (s. nebenstehende Tabelle).[Anm. 1]
Fundamentale Teilchen mit den Spins
wurden postuliert, aber bislang nicht nachgewiesen.
Bei zusammengesetzten Systemen, z.B. bei Proton,
Neutron, Atomkern, Atom, Molekül, Exziton, Hadronen wie -Teilchen
ergibt sich der Spin durch Addition der Spins und Bahndrehimpulse der
Komponenten nach den Regeln der quantenmechanischen Drehimpulsaddition.
Erstmals wurde 1925 dem Elektron
ein Spin
zugeschrieben, um eine Reihe unverstandener Details der optischen Spektren von
Atomen mit einem einzigen Konzept konsistent erklären zu können (zur
Entdeckung und Rezeption des Spin siehe Elektronenspin).
Dem Proton wird der Spin
seit 1928 zugeschrieben, weil eine Anomalie in der spezifischen Wärme von
Wasserstoffgas nicht anders zu erklären ist.
Der halbzahlige Spin kann weder anschaulich noch halbklassisch durch eine Drehbewegung erklärt werden. Eine formale Begründung wurde 1928 in der relativistischen Quantenmechanik entdeckt. Der halbzahlige Spin der Elektronen und Quarks führt über das Spin-Statistik-Theorem weiter zum Pauli-Prinzip, das grundlegend für den Aufbau der Atomkerne und der Atomhüllen ist. Das Pauli-Prinzip bestimmt damit auch das chemische Verhalten der Atome, wie es sich im Periodensystem der Elemente ausdrückt. Demnach spielt der halbzahlige Spin beim Aufbau der Materie bis hin zu ihren makroskopischen Eigenschaften eine bestimmende Rolle.
Stephen Hawking benutzt in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Zeit eine Pfeil-Analogie zur Veranschaulichung des Spins: „Ein Teilchen mit dem Spin 0 ist ein Punkt: Es sieht aus allen Richtungen gleich aus. Ein Teilchen mit dem Spin 1 ist dagegen wie ein Pfeil: Es sieht aus verschiedenen Richtungen verschieden aus. Nur bei einer vollständigen Umdrehung (360 Grad) sieht das Teilchen wieder gleich aus. Ein Teilchen mit dem Spin 2 ist wie ein Pfeil mit einer Spitze an jedem Ende. Es sieht nach einer halben Umdrehung (180 Grad) wieder gleich aus. Entsprechend sehen Teilchen mit höherem Spin wieder gleich aus, wenn man Drehungen um kleinere Bruchteile einer vollständigen Umdrehung vollzieht. [Zudem gibt] es Teilchen […], die nach einer Umdrehung noch nicht wieder gleich aussehen: Es sind dazu vielmehr zwei vollständige Umdrehungen erforderlich! Der Spin solcher Teilchen wird mit ½ angegeben.“
Wichtige Experimente zum Spin beruhen meist darauf, dass ein geladenes Teilchen mit Spin auch ein magnetisches Moment besitzt. Beim Einstein-de-Haas-Effekt versetzt die Änderung der Richtung der Elektronenspins in einem Eisenstab diesen in eine makroskopische Drehbewegung. Im Stern-Gerlach-Versuch ermöglichte der Elektronenspin den ersten direkten Nachweis der Richtungsquantelung. Die Effekte der magnetischen Kernspinresonanz bzw. Elektronenspinresonanz werden in Chemie (Kernspinresonanzspektroskopie NMR), Biologie und Medizin (Magnetresonanztomographie MRT) zur detaillierten Untersuchungen von Materialien, Geweben und Prozessen genutzt.
Anders als der halbzahlige Spin der Leptonen ergibt sich der ganzzahlige Spin des Photons (Lichtquant) schon aus der lange bekannten Existenz elektromagnetischer Wellen mit zirkulärer Polarisation. Ein direkter experimenteller Nachweis gelang 1936 anhand der Drehbewegung eines makroskopischen Objekts nach der Wechselwirkung mit Photonen.
Spinoperator, Eigenwerte und Quantenzahlen
Der Spinoperator
gehorcht denselben drei Vertauschungsrelationen
wie Bahndrehimpulsoperator
und Gesamtdrehimpuls:
(auch für
zyklisch vertauscht)
Daher gelten hier auch alle anderen allgemeinen Regeln des
quantenmechanischen Drehimpulses. Während für den Bahndrehimpuls
aufgrund von
nur ganzzahlige Vielfache des Wirkungsquantums als
Eigenwerte vorkommen können,
sind als Eigenwerte für den Spin auch halbzahlige Vielfache möglich.
Da die drei Komponenten nicht miteinander vertauschbar sind, wählt man als
maximal möglichen Satz vertauschbarer Operatoren, analog zum Bahndrehimpuls, das
Quadrat der Größe, ,
und seine
-Komponente,
(die Projektion auf die
-Achse).
Ein Eigenzustand des Teilchens zu
hat den Eigenwert
;
der Wertevorrat für die Spinquantenzahl
ist dabei
.
Zur Abkürzung wird häufig ein Teilchen mit Spinquantenzahl
als „Teilchen mit Spin
“
bezeichnet.
Die Eigenwerte für
werden mit
bezeichnet. Darin hat die magnetische
Spinquantenzahl einen der
Werte
,
die alle zusammen je nach Wert
entweder nur halbzahlig (dann in gerader Anzahl) oder nur ganzzahlig (dann in
ungerader Anzahl) sind.
Beobachtete Werte für die Spinquantenzahl elementarer Teilchen sind
für alle Elementarteilchen vom Typ Fermion, z.B. Elektron, Neutrino, Quarks.
für die Austauschbosonen: Photon, Gluon, W-Boson und Z-Boson.
für das Higgs-Boson.
Die Regeln für die Addition von zwei Drehimpulsen gelten völlig gleich für Bahndrehimpuls und Spin. Daher entsteht durch die Addition von zwei halbzahligen Drehimpulsen ein ganzzahliger (wie bei zwei ganzzahligen auch), während sich ein halbzahliger und ein ganzzahliger Drehimpuls zu einem halbzahligen Drehimpuls addieren. Ein System aus Bosonen und Fermionen hat daher genau dann einen halbzahligen Gesamtdrehimpuls, wenn es eine ungerade Anzahl Fermionen enthält.
Auch bei vielen zusammengesetzten Teilchen und Quasiteilchen wird in der Umgangssprache der Physik der Drehimpuls um den Schwerpunkt als Spin bezeichnet (z.B. bei Proton, Neutron, Atomkern, Atom, …). Hier kann er bei derselben Teilchenart je nach angeregtem Zustand des Teilchens dann auch verschiedene Werte haben. In diesen zusammengesetzten Systemen wird der Drehimpuls nach den allgemeingültigen Regeln der quantenmechanischen Addition aus den Spins und Bahndrehimpulsen ihrer fundamentalen Bestandteile gebildet. Sie werden hier nicht weiter berücksichtigt.
Boson, Fermion, Teilchenzahlerhaltung
Der Spin führt zur grundlegenden und unveränderlichen Klassifizierung der Elementarteilchen in Bosonen (Spin ganzzahlig) und Fermionen (Spin halbzahlig). Dies ist eine Grundlage des Standardmodells. Damit ist auch der Gesamtdrehimpuls eines Fermions in jedem denkbaren Zustand halbzahlig, der eines Bosons ganzzahlig. Weiter folgt, dass ein System, das außer einer beliebigen Zahl Bosonen eine ungerade Anzahl von Fermionen enthält, nur einen halbzahligen Gesamtdrehimpuls haben kann, und mit einer geraden Anzahl Fermionen nur einen ganzzahligen Gesamtdrehimpuls.
Aus dem Satz von der Erhaltung des Gesamtdrehimpulses eines Systems bei allen möglichen Prozessen folgt die – mit der Beobachtung übereinstimmende – Einschränkung, dass die Fermionen sich nur in Paaren erzeugen oder vernichten lassen, nie einzeln, weil sich sonst der Gesamtdrehimpuls von einem ganzzahligen zu einem halbzahligen Wert oder umgekehrt ändern müsste. Bosonen hingegen können auch einzeln erzeugt oder vernichtet werden.
Vertauschungssymmetrie, Statistik, Pauli-Prinzip
Die Klasseneinteilung in Bosonen (Spin ganzzahlig) und Fermionen (Spin halbzahlig) hat starke Auswirkungen auf die möglichen Zustände und Prozesse eines Systems, in dem mehrere Teilchen gleicher Art vorhanden sind. Da wegen der Ununterscheidbarkeit gleichartiger Teilchen das Vertauschen von zweien von ihnen denselben physikalischen Zustand des Systems herstellt, kann auch der Zustandsvektor (oder die Wellenfunktion) bei dieser Vertauschung nur derselbe bleiben oder sein Vorzeichen wechseln. Alle Beobachtungen zeigen, dass für Bosonen immer der erste Fall gilt (Symmetrie der Wellenfunktion bei Vertauschung), für Fermionen aber immer der zweite (Antisymmetrie der Wellenfunktion bei Vertauschung). Unmittelbare Folge der Antisymmetrie ist das Pauli-Prinzip, nach dem es kein System geben kann, das zwei gleiche Fermionen im selben Einteilchenzustand enthält. Dies Prinzip bestimmt z.B. den Aufbau der Atomhülle und zählt damit zu den Grundlagen für die physikalische Erklärung der Eigenschaften der makroskopischen Materie (z.B. beim chemischen Verhalten der Elemente im Periodensystem sowie bei der (näherungsweisen) Inkompressibilität von Flüssigkeiten und festen Körpern). Die Tatsache, dass es zwei verschiedene Vertauschungssymmetrien gibt, erklärt die großen Unterschiede zwischen Vielteilchensystemen aus Fermionen bzw. Bosonen. Beispiele sind das Elektronengas im Metall (Fermionen) bzw. die Photonen in der Hohlraumstrahlung (Bosonen), aber auch die gesamte Astrophysik. In der Behandlung mit statistischen Methoden befolgen Fermionen die Fermi-Dirac-Statistik, Bosonen die Bose-Einstein-Statistik. Eine tiefliegende Begründung für diesen Zusammenhang liefert das Spin-Statistik-Theorem. Obwohl die von den Spins ausgehenden Kräfte meist vernachlässigbar sind (magnetische Dipol-Wechselwirkung!) und in der theoretischen Beschreibung in der Regel ganz vernachlässigt werden, zeigt somit die bloße Eigenschaft der Teilchen, einen halb- bzw. ganzzahligen Spin zu besitzen, weitreichende Folgen in der makroskopisch erfahrbaren Welt.
Spinoperator und Basiszustände für Spin 1/2
Der Spinoperator
hat für
drei Komponenten, die jede für sich genau zwei Eigenwerte
besitzen. Da die drei Komponenten dieselben Vertauschungsrelationen wie bei
jedem Drehimpulsoperator
erfüllen, existieren aber keine gemeinsamen Eigenzustände. Wählt man (wie
üblich) die Ausrichtung längs der
-Achse,
dann werden die beiden Eigenzustände zu
mit den Quantenzahlen
als „parallel“ bzw. „antiparallel“ zur
-Achse
bezeichnet.
und
haben dann die Erwartungswerte Null.
Über die allgemeinen Eigenschaften des quantenmechanischen Drehimpulses
hinaus gibt es beim Spin
zusätzlich besondere Eigenschaften. Sie beruhen darauf, dass
nur zwei Eigenwerte besitzt. Daher ergibt die doppelte Anwendung des Auf- oder Absteigeoperators
stets Null:
.
Zur Vereinfachung der Formeln wurden von Wolfgang Pauli durch
(für
)
die drei Paulischen Spinoperatoren
eingeführt. Aus
folgt dann (für
)
.
Die letzte Gleichung gilt außer für
auch für jeden anderen Vektoroperator, dessen Komponenten untereinander und mit
vertauschbar sind.
Die unanschaulichen Folgerungen:
- Wegen
ist
. D.h., in jedem denkbaren Zustand hat ein Spin-
-Teilchen zum Quadrat der Komponente seines Spins in einer beliebigen Richtung einen wohlbestimmten und immer gleichen Wert, den größten, der überhaupt möglich ist. In den beiden Zuständen „(anti-)paralleler“ Ausrichtung zur
-Achse sind dem Betragsquadrat nach die beiden Komponenten senkrecht dazu also zusammen doppelt so groß wie die Komponente längs der Ausrichtungsachse. Ein normaler Vektor mit diesen Eigenschaften liegt nicht parallel zur
-Achse, sondern sogar schon näher an der dazu senkrechten xy-Ebene.
- Die Komponente des Vektors
in Richtung des Spins hat immer denselben Betrag wie der Vektor selbst.
Die beiden Zustände
(im Sprachgebrauch „Spin parallel
bzw. antiparallel
zur
-Achse“,
oft auch mit den anschaulichen Symbolen
bzw.
bezeichnet) bilden eine Basis im zweidimensionalen komplexen Zustandsraum
für den Spinfreiheitsgrad eines Spin-
-Teilchens.
Auch der Zustand, in dem der Spin parallel zu einer beliebigen anderen Richtung
ausgerichtet ist, ist eine Linearkombination dieser beiden Basisvektoren mit
gewissen komplexen Koeffizienten. Für den Zustand mit Spin parallel zur
-Achse
z.B. haben beide Koeffizienten gleichen Betrag, für den Zustand parallel
zur
-Achse
auch, aber mit anderer komplexer Phase. Auch wenn die Raumrichtungen
und
zueinander senkrecht stehen, sind die entsprechend ausgerichteten Zustände nicht
orthogonal (der einzige zu
orthogonale Zustand
ist
).
Anmerkung: Die Matrix-Darstellung der Paulischen Spinoperatoren sind die Pauli-Matrizen. Mathematisch sind die kleinsten Darstellungen der Spinalgebra die Spinoren.
Spin 1/2 und dreidimensionaler Vektor
Der Erwartungswert des Drehimpulsvektors
hat unter allen möglichen Werten der Drehimpulsquantenzahl (0, 1/2, 1, 3/2, …)
nur für Spin ½ die zwei Eigenschaften, die man anschaulich mit einem Vektor im
dreidimensionalen Raum verbindet: Er hat in jedem möglichen Zustand die immer
gleiche Länge
und immer eine wohlbestimmte Richtung.
Denn zu jedem beliebigen Spinzustand
(normiert mit
)
ist
Weiter gilt, dass es zu jedem beliebigen Spinzustand (also zu jeder
beliebigen Linearkombination von
und
)
genau eine Richtung im dreidimensionalen Raum gibt, zu der der Spin dann so
parallel liegt wie im Zustand
zur
-Achse.
Für die Linearkombination
sind Polarwinkel
und Azimuthwinkel
der Orientierungsrichtung aus der Gleichung
zu entnehmen.[6]
Das entspricht der Vorstellung von einem normalen Vektor im dreidimensionalen
Raum, den man ja auch immer zur Definition der
-Achse
benutzen kann.
Beides gilt unter allen quantenmechanisch möglichen Drehimpulsen nur für die
Quantenzahl .
Insofern kommt unter allen quantenmechanischen Drehimpulsen der Spin
der Vorstellung von einem Vektor am nächsten. Der Vektoroperator
hingegen hat einige höchst ungewöhnliche Eigenschaften (s. vorigen Abschnitt).
Spin ½ als Äquivalent aller 2-Zustands-Systeme
Hat ein physikalisches
System nur zwei Basiszustände (zumindest in näherungsweiser Betrachtung,
z.B. bei zwei benachbarten Energieniveaus, während die anderen, weiter
entfernten, vernachlässigt werden), ist es formal ein genaues Abbild des
2-Zustands-Systems für den Spin .
Für dieses System können ohne Rücksicht auf ihre physikalische Bedeutung drei
Operatoren definiert werden: Ein Aufsteigeoperator und
ein Absteigeoperator
verwandelt den zweiten Basiszustand in den ersten bzw. umgekehrt, und ergibt
sonst Null. Der dritte Operator gibt dem ersten Basiszustand den Eigenwert
und dem zweiten
.
Nennt man diese Operatoren der Reihe nach
,
erfüllen sie dieselben Gleichungen wie die gleichnamigen
Operatoren für den Spin
.
Sie können auch in den Vektoroperator
umgeschrieben werden, der wie jeder Drehimpulsoperator
aufgrund seiner Vertauschungsrelationen die infinitesimalen Drehungen in einem
(abstrakten) dreidimensionalen Raum beschreibt.
Mathematischer Hintergrund dieser Äquivalenz ist die Tatsache, dass die
Basistransformationen im zweidimensionalen komplexen
Hilbertraum eine Darstellung der Gruppe SU(2)
bilden, die „doppelt so groß ist“[Anm.
2] wie die Gruppe SO(3)
der Drehungen im reellen
dreidimensionalen Raum. Der Unterschied zu den „normalen“ Drehungen im
dreidimensionalen Raum liegt darin, dass die vom Spinoperator erzeugte Drehung
mit dem Drehwinkel 360° nicht durch die Einheitsmatrix
wiedergegeben wird, sondern durch
.
Dabei geht der physikalische Zustand zwar in sich selber über, der
Zustandsvektor aber in sein Negatives. Das eine ist mit dem anderen
verträglich, weil Zustandsvektoren, die sich nur um einen komplexen Faktor
unterscheiden, denselben Zustand beschreiben. Erst
eine 720°-Drehung bringt wieder denselben Zustandsvektor hervor.
Nimmt man für die zwei Basiszustände verschiedene Elementarteilchen, etwa Proton und Neutron, oder Elektron und Elektron-Neutrino, wird die durch dieses Vorgehen definierte physikalische Größe als Isospin des Teilchens bezeichnet. Dies bewährt sich auch für Mehrteilchensysteme, d.h. ihre Zustände lassen sich danach klassifizieren, wie die Isospins ihrer einzelnen Teilchen sich zum Gesamtisospin addieren, wobei die Regeln der Addition von quantenmechanischen Drehimpulsen volle Gültigkeit haben. In der Entwicklung der Elementarteilchenphysik hat dieses Isospinkonzept eine bedeutende Rolle gespielt.
Zwei Teilchen mit Spin 1/2
Der Gesamtspin kann hier die Werte
und
haben. Mit der Bezeichnung
für die Basiszustände jedes der Teilchen werden die Zweiteilchenzustände mit den
Quantenzahlen
und
so gebildet:
für
(Triplett)
für
(Singulett)
Die beiden Fälle zu
(d.h. die
-Komponente
des Gesamtspins ist Null) sind die einfachsten Beispiele für einen verschränkten
Zustand aus jeweils zwei Summanden. Hier ergeben schon in jedem einzelnen
der beiden Summanden
und
die
-Komponenten
der beiden einzelnen Spins zusammen Null. Dies gilt nicht mehr, wenn man statt
der (gleich großen) Spins andere Vektoroperatoren betrachtet, die für die beiden
Teilchen unterschiedliche Größe haben. Z.B. unterscheiden sich die
magnetischen Momente von Elektron und Proton im H-Atom um einen Faktor ca. 700.
Wenn für das Elektron mit seinem großen magnetischen Moment zur Verdeutlichung
bzw.
geschrieben wird, heißen die beiden
-Zustände
.
Während jeder einzelne der Summanden hier ein magnetisches Moment fast von der
Größe wie beim Elektron zeigt, ausgerichtet in (
)-Richtung
bzw. in (
)-Richtung,
hat das gesamte magnetische Moment des Atoms in einem solchen verschränkten
Zustand die
-Komponente
Null. Daran ist zu sehen, dass beide Summanden
und
gleichzeitig präsent sein müssen, damit sich dies ergeben kann.
Zwei gleiche Teilchen mit Spin 1/2
Vertauschungssymmetrie in Spin- und Orts-Koordinaten
Der Triplettzustand ist symmetrisch, der Singulettzustand antisymmetrisch
hinsichtlich der Spins, denn die Vertauschung der zwei Teilchen bedeutet hier,
die beiden Pfeile für ihren Spinzustand in den obigen Formeln in umgekehrter
Reihenfolge zu schreiben. Da der vollständige Zustandsvektor zweier
gleicher Fermionen bei der Vertauschung aller ihrer Koordinaten das
Vorzeichen wechselt, muss der neben dem Spinanteil existierende ortsabhängige
Teil
auch eine definierte Symmetrie haben, antisymmetrisch im Triplett, symmetrisch
im Singulett. Bei Vertauschung der räumlichen Koordinaten werden die
Ladungsverteilungen beider Elektronen einfach ausgetauscht, bleiben der Form
nach aber exakt dieselben wie vorher. Dennoch ergeben sich, wenn sich die
Ladungsverteilungen überlappen, für die elektrostatische Abstoßungsenergie zwei
verschiedene Werte: Im antisymmetrisch verschränkten Ortszustand ist der
Energiebetrag kleiner als im symmetrischen, weil die
Aufenthaltswahrscheinlichkeit beider Elektronen am gleichen Ort im
antisymmetrischen Ortszustand sicher Null ist, im symmetrischen nicht (im
Überlappbereich). Dieser rein quantenmechanische Effekt wird Austauschwechselwirkung
genannt. Er begründet den starken Einfluss des Gesamtspins der Elektronen auf
die Energieniveaus ihres Atoms, obwohl von den Spins selbst überhaupt keine
elektrostatische und nur geringfügige magnetische Wechselwirkung ausgeht.
Der kugelsymmetrische Singulett-Zustand
Bildet man den Zustandsvektor für den Singulettzustand nicht mit den in -Richtung
ausgerichteten Spinzuständen
sondern mit den in
-Richtung
ausgerichteten
,
so ist der Zustand trotzdem ein und derselbe (denn es gibt ja nur einen):
Formal ist das eine Folge von
und
.
Hierzu gibt es ein Gedankenexperiment, das die Schwierigkeiten der Anschauung beim Verstehen der Superposition unteilbarer Teilchen beleuchtet:
- In einem He+-Ion mit dem einen 1s-Elektron im Zustand
wird die Ausbeute gemessen, mit der ein Elektron im Zustand
extrahiert werden kann. Antwort: 50 %.
- Das He+-Ion fängt nun ein zweites Elektron in den 1s-Zustand
ein. Wegen gleicher Ortswellenfunktionen beider Elektronen ist der Zustand
hinsichtlich des Orts symmetrisch, hinsichtlich des Spins antisymmetrisch. Das
neue Elektron stellt seinen Spin nicht einfach nur entgegengesetzt zum
vorhandenen (
), sondern es bildet sich automatisch die richtige Verschränkung für das Singulett (lt. Formel oben). Dieser Singulettzustand ist (obwohl der Vektor anders aussieht) derselbe, der sich aus zwei Elektronen in den Zuständen
gebildet hätte.
- Infolgedessen zeigt nun (d.h. nach Schritt 2.) die gleiche Messung
wie in Nr. 1 (Extraktion von
) eine Ausbeute von 100 %. Dieser scheinbare Widerspruch „per se“ ist mit der an makroskopischen Verhältnissen geschulten Anschauung nur verträglich, wenn beide Elektronen sich „aufgeteilt“ und mit den jeweils richtigen Hälften über Kreuz neu zusammengefügt haben könnten.
Spin und Diracgleichung, anomales magnetisches Moment
Die theoretische Begründung des Spins
beruht auf der 1928 von Paul Dirac entdeckten Diracgleichung, die als
relativistisch korrekte Wellengleichung an die Stelle der nichtrelativistischen
Schrödingergleichung tritt.
Eine Bedingung für relativistische
Invarianz der zugehörigen Gleichung für die Energie ist, dass Energie
und Impuls linear darin vorkommen. Das ist bei der Schrödingergleichung
nicht der Fall, denn sie beruht nach der klassischen Mechanik auf
,
in Operatoren:
. Dirac fand
in
.
den gesuchten linearen Operator für den Betrag des Impulses. In der weiteren
Ausformulierung dieses Ansatzes mussten die Paulischen -Matrizen
gemäß
zu -Matrizen
erweitert werden. Damit zeigte sich, dass für ein freies Teilchen, für das man
also Erhaltung des Drehimpulses ansetzen muss, nicht der Bahndrehimpuls
eine Konstante der Bewegung ist, sondern die als Gesamtdrehimpuls
identifizierte Größe
.
Das konstante Zusatzglied
ist der Spin.
Fügt man in die Dirac-Gleichung die Wirkung eines statischen Magnetfelds ein,
ergibt sich eine Zusatzenergie wie bei einem magnetischen
Dipol. Dieser Dipol liegt zum Spin parallel, genau wie der magnetische Dipol
eines Kreisstroms parallel zu dessen Bahndrehimpuls liegt. Er hat aber im
Vergleich zum Bahndrehimpuls des Kreisstroms genau die doppelte Stärke. Das anomale
magnetische Moment des Dirac-Teilchens ist damit um den anomalen
Spin-g-Faktor
größer als klassisch verständlich.
Experimentell zeigt sich beim Elektron jedoch ein Wert von ungefähr 2,00232.
Diese Abweichung des
Spin-g-Faktors des Elektrons
wird durch die Quantenelektrodynamik
erklärt.
Anmerkungen
- ↑
Eine rollende Kegelkugel hat einen Drehimpuls von
ca.
- ↑ Mathematisch gesehen ist die SU(2) die Überlagerungsgruppe der SO(3)
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 08.01. 2025