Gruppe (Mathematik)
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In der Mathematik ist eine Gruppe eine Menge von Elementen zusammen mit einer Verknüpfung, die je zwei Elementen der Menge ein drittes Element derselben Menge zuordnet und dabei drei Bedingungen, die Gruppenaxiome, erfüllt: das Assoziativgesetz, die Existenz eines neutralen Elements und die Existenz von inversen Elementen.
Eine der bekanntesten Gruppen ist die Menge der ganzen Zahlen mit der Addition als Verknüpfung. Das mathematische Teilgebiet, das sich der Erforschung der Gruppenstruktur widmet, wird Gruppentheorie genannt. Es ist ein Teilgebiet der Algebra. Die Anwendungsgebiete der Gruppen, auch außerhalb der Mathematik, machen sie zu einem zentralen Konzept der gegenwärtigen Mathematik.
Gruppen teilen eine fundamentale Verwandtschaft mit der Idee der Symmetrie. Beispielsweise verkörpert die Symmetriegruppe eines geometrischen Objekts dessen symmetrische Eigenschaften. Sie besteht aus der Menge derjenigen Abbildungen (z.B. Drehungen), die das Objekt unverändert lassen, und der Hintereinanderausführung solcher Abbildungen als Verknüpfung. Lie-Gruppen sind die Symmetriegruppen des Standardmodells der Teilchenphysik, Punktgruppen werden genutzt, um in der Chemie Symmetrie auf molekularer Ebene zu verstehen, und Poincaré-Gruppen können die Symmetrien ausdrücken, die der speziellen Relativitätstheorie zugrunde liegen.
Das Konzept der Gruppe entstand aus Évariste Galois’ Untersuchungen von Polynomgleichungen in den 1830er Jahren. Nach Beiträgen aus anderen mathematischen Gebieten wie der Zahlentheorie und der Geometrie wurde der Begriff der Gruppe verallgemeinert. Um 1870 war er fest etabliert und wird heute in dem eigenständigen Gebiet der Gruppentheorie behandelt. Um Gruppen zu erforschen, haben Mathematiker spezielle Begriffe entwickelt, um Gruppen in kleinere, leichter verständliche Bestandteile zu zerlegen, wie z.B. Untergruppen, Faktorgruppen und einfache Gruppen. Neben ihren abstrakten Eigenschaften untersuchen Gruppentheoretiker auch Möglichkeiten, wie Gruppen konkret ausgedrückt werden können (Darstellungstheorie), sowohl für theoretische Untersuchungen als auch für konkrete Berechnungen. Eine besonders reichhaltige Theorie wurde für die endlichen Gruppen entwickelt, was 1983 in der Klassifizierung der endlichen einfachen Gruppen gipfelte. Diese spielen für Gruppen eine vergleichbare Rolle wie die Primzahlen für natürliche Zahlen.
Einführendes Beispiel
Eine der bekanntesten Gruppen bildet die Menge der ganzen
Zahlen ,
die üblicherweise mit
bezeichnet wird, zusammen mit der Addition.
Die Menge der ganzen Zahlen zusammen mit der Addition erfüllt einige grundlegende Eigenschaften:
- Für zwei ganze Zahlen
und
ist die Summe
wieder eine ganze Zahl. Würde man hingegen zwei ganze Zahlen miteinander dividieren, so wäre das Ergebnis zumeist eine rationale Zahl und keine ganze Zahl mehr. Da dies bei der Addition nicht passieren kann, sagt man, dass die ganzen Zahlen unter der Addition abgeschlossen sind.
- Für alle ganzen Zahlen
,
und
gilt das Assoziativgesetz
-
.
- In Worten ausgedrückt heißt dies, dass es egal ist, ob man zuerst
und
oder
und
addiert, das Ergebnis ist das gleiche. Diese Eigenschaft wird Assoziativität genannt.
- Für jede ganze Zahl
gilt
-
.
- Die Addition mit Null verändert also die Ausgangszahl nicht. Daher nennt man Null das neutrale Element der Addition.
- Für jede ganze Zahl
existiert eine ganze Zahl
, so dass
gilt. Das heißt, zu jeder ganzen Zahl
existiert eine ganze Zahl
, so dass ihre Summe null ergibt. Die Zahl
heißt in diesem Fall das inverse Element von
und wird mit
notiert.
Diese vier Eigenschaften der Menge der ganzen Zahlen zusammen mit ihrer Addition werden in der Definition der Gruppe auf andere Mengen mit einer passenden Operation verallgemeinert.
Definition
Gruppe
Eine Gruppe ist ein Paar
bestehend aus einer Menge
und einer inneren
zweistelligen Verknüpfung
auf
.
Dabei erfüllt die (in Infixnotation
geschriebene) Abbildung
die folgenden, Gruppenaxiome genannten, Forderungen:
|
(Assoziativität) |
|
(Existenz des neutralen Elements) |
|
(Existenz des inversen Elements) |
Eine Gruppe ist also ein Monoid, in dem jedes Element ein Inverses hat.
Schwache Gruppenaxiome
Die Gruppenaxiome können formal abgeschwächt werden, indem man die Axiome für das neutrale und das inverse Element folgendermaßen ersetzt:
Es gibt ein linksneutrales Element ,
so dass gilt:
- Für alle Gruppenelemente
gilt:
- Zu jedem
existiert ein linksinverses Element
mit
.
Diese formal schwächere Definition ist äquivalent zu der ursprünglichen Definition.
Beweis |
Es erfülle Also gilt Damit gilt dann auch |
Gruppe als algebraische Struktur
Eine Gruppe kann auch als eine besondere algebraische Struktur definiert werden. Mit den schwachen Gruppenaxiomen erhält man dann:
Eine Gruppe ist ein Quadrupel
bestehend aus einer Menge
sowie einer assoziativen, inneren zweistelligen Verknüpfung
,
einer nullstelligen
Verknüpfung
und einer einstelligen
Verknüpfung
auf
,
sodass für jedes
gilt
und
.
Somit ist eine Gruppe ein spezielles Monoid, in welchem alle Elemente invertierbar sind.
Abelsche Gruppe
Eine Gruppe
heißt abelsch oder kommutativ, wenn zusätzlich das folgende Axiom
erfüllt ist:
- Kommutativität:
Für alle Gruppenelemente
und
gilt
.
Andernfalls, d.h., wenn es Gruppenelemente
gibt, für die
ist, heißt die Gruppe
nicht-abelsch (oder nicht-kommutativ).
Gruppenordnung
Bei einer Gruppe
wird die Mächtigkeit
auch als Ordnung der Gruppe bezeichnet. Für eine endliche Gruppe
ist die Ordnung also einfach die Anzahl
der Gruppenelemente.
Ordnung eines Elementes
Die Ordnung eines Elementes
ist definiert durch
,
wobei
das neutrale
Element der Gruppe
repräsentiert.
Bemerkungen:
- In jeder Gruppe hat genau das neutrale Element die Ordnung 1.
- Für endliche Gruppen
gilt:
-
(gesprochen: die Ordnung von
teilt die Gruppenordnung
)
Anmerkungen zur Notation
Häufig wird für die Verknüpfung
das Symbol
benutzt, man spricht dann von einer multiplikativ geschriebenen Gruppe. Das
neutrale Element heißt dann Einselement und wird auch durch
symbolisiert. Wie auch bei der gewöhnlichen Multiplikation
üblich, kann in vielen Situationen der Malpunkt
weggelassen werden. Für Verknüpfungen von mehreren Elementen wird dann auch das
Produktzeichen
verwendet. Für
wird die
-fache
Verknüpfung eines Gruppenelements
mit sich selbst als Potenz
geschrieben und man definiert
sowie
.
Die Gruppeneigenschaften lassen sich auch additiv notieren, indem für die
Verknüpfung
das Symbol
benutzt wird. Das neutrale Element heißt dann Nullelement und wird durch
symbolisiert. Das zum Gruppenelement
inverse Element wird in einer additiv geschriebenen Gruppe nicht durch
,
sondern durch
symbolisiert. Eine
-fache
Summe
wird hier mit
bezeichnet und man setzt
sowie
.
Eine abelsche Gruppe kann auf diese Weise als Modul über dem Ring der ganzen Zahlen
aufgefasst werden. Üblich ist die additive Schreibweise nur bei abelschen
Gruppen, während nicht abelsche oder beliebige Gruppen zumeist multiplikativ
geschrieben werden.
Ist die Verknüpfung aus dem Zusammenhang klar, so schreibt man für die Gruppe
häufig nur .
Beispiele
Im Folgenden werden einige Beispiele von Gruppen aufgeführt. So werden Gruppen von Zahlen, eine Gruppe mit genau einem Element und Beispiele von zyklischen Gruppen angeführt.
Mengen von Zahlen
- Die Menge der ganzen Zahlen zusammen mit der Addition bildet eine (abelsche) Gruppe. Zusammen mit der Multiplikation ist die Menge der ganzen Zahlen allerdings keine Gruppe (das inverse Element zu 2 wäre 1/2).
- Die Menge der rationalen
Zahlen
beziehungsweise die Menge der reellen Zahlen
ist zusammen mit der Addition eine Gruppe. Zusammen mit der Multiplikation sind die Mengen
und
ebenfalls Gruppen.
Die triviale Gruppe
Die Menge, die nur ein Element
hat, kann als Gruppe aufgefasst werden. Da jede Gruppe ein neutrales Element
hat, muss genau dieses eine Element dann als das neutrale Element aufgefasst
werden. Dann gilt also
.
Mittels dieser Gleichheit können auch die restlichen Gruppenaxiome bewiesen
werden. Die Gruppe mit genau einem Element wird die triviale Gruppe genannt.
Zyklische Gruppen
Eine zyklische Gruppe ist eine Gruppe, deren Elemente als Potenz eines ihrer Elemente dargestellt werden können. Unter Verwendung der multiplikativen Notation lauten die Elemente einer zyklischen Gruppe
,
wobei
meint und
das neutrale Element der Gruppe bezeichnet. Das Element
wird Erzeuger
oder Primitivwurzel
der Gruppe genannt. In additiver Notation ist ein Element eine Primitivwurzel,
wenn die Elemente der Gruppe durch
dargestellt werden können.
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Beispielsweise ist die im ersten Abschnitt betrachtete additive Gruppe der
ganzen Zahlen eine zyklische Gruppe mit der Primitivwurzel .
Diese Gruppe hat unendlich
viele Elemente. Im Gegensatz dazu hat die multiplikative Gruppe der n-ten
komplexen Einheitswurzeln
endlich viele Elemente.
Diese Gruppe besteht aus allen komplexen
Zahlen
,
die die Gleichung
erfüllen. Die
Gruppenelemente können als Eckpunkte eines regulären
n-Ecks visualisiert werden. Für
ist dies in der Grafik auf der rechten Seite geschehen. Die Gruppenoperation ist
die Multiplikation der komplexen Zahlen. Im rechten Bild entspricht also die
Multiplikation mit
der Drehung des Polygons im Gegenuhrzeigersinn
um
.
Zyklische Gruppen haben die Eigenschaft durch die Anzahl ihrer Elemente
eindeutig bestimmt zu sein. Das heißt, zwei zyklische Gruppen mit jeweils
Elementen sind isomorph,
es kann also ein Gruppenisomorphismus
zwischen diesen beiden Gruppen gefunden werden. Insbesondere sind also alle
zyklischen Gruppen mit unendlich vielen Elementen äquivalent zur zyklischen
Gruppe
der ganzen Zahlen.
Symmetrische Gruppen
Die symmetrische Gruppe
besteht aus allen Permutationen
(Vertauschungen) einer
-elementigen
Menge. Die Gruppenoperation
ist die Komposition
(Hintereinanderausführung) der Permutationen, das neutrale Element ist
die identische
Abbildung. Die symmetrische Gruppe
ist endlich
und besitzt die Ordnung
.
Sie ist für
nicht abelsch.
Grundlegende Eigenschaften einer Gruppe
- Das neutrale Element einer Gruppe ist eindeutig bestimmt. Sind nämlich
und
neutrale Elemente, dann muss
sein, da
neutral ist, und
, da
neutral ist. Somit folgt
.
- Es gilt die Kürzungsregel: Aus
oder
mit den Gruppenelementen
folgt jeweils
. Dies sieht man durch
.
- Daraus ergibt sich, dass die Verknüpfungstafel einer (endlichen) Gruppe ein lateinisches Quadrat ist, bei dem in jeder Zeile und in jeder Spalte jedes Gruppenelement genau einmal vorkommt.
- Die Gleichung
ist stets eindeutig lösbar und die Lösung ist
. Ebenso hat
die eindeutige Lösung
.
- Das zu einem Gruppenelement
inverse Element 4
ist eindeutig bestimmt. Wenn
und
beide invers zu
sind dann folgt:
- Es gilt
und
.
- Für alle Elemente gilt
. Dies folgt aus der Gleichungskette
-
.
- Somit ist
zu
invers.
Gruppenhomomorphismus
Gruppenhomomorphismen sind Abbildungen, die die Gruppenstruktur erhalten. Eine Abbildung
zwischen zwei Gruppen
und
heißt Gruppenhomomorphismus
oder kurz Homomorphismus, falls die Gleichung
für alle Elemente
gilt. Ist die Abbildung
zusätzlich bijektiv,
so heißt sie Gruppenisomorphismus. In diesem Fall nennt man die Gruppen
und
isomorph zueinander.
Mit den Gruppenhomomorphismen als Morphismen bildet die Klasse aller Gruppen eine Kategorie, die üblicherweise mit Grp oder Gr bezeichnet wird.
Gegengruppe
Zu jeder Gruppe
lässt sich die Gegengruppe
bilden, indem man bei der Verknüpfung
die Operanden gegenüber
vertauscht:
für alle
(gleiche Grundmenge
).
Ist
abelsch, so ist
.
ist die Gegengruppe der Gegengruppe der Gruppe
:
.
Ein Antihomomorphismus
zwischen zwei Gruppen ist ein Homomorphismus
bzw.
.
Produkte von Gruppen
In der Gruppentheorie werden verschiedene Produkte von Gruppen betrachtet:
- Das direkte Produkt ist durch das kartesische Produkt der Trägermengen zusammen mit der komponentenweisen Verknüpfung gegeben.
- Das semidirekte Produkt ist eine Verallgemeinerung des direkten Produkts, wobei die eine Gruppe auf der zweiten operiert. Es kann auch als inneres semidirektes Produkt zwischen einem Normalteiler und einer Untergruppe einer gegebenen Gruppe realisiert sein.
- Das Kranzprodukt ist ein spezielles semidirektes Produkt.
- Das Komplexprodukt zweier Untergruppen einer gegebenen Gruppe ist durch paarweise Verknüpfung der Untergruppenelemente gegeben. Dieses Produkt ist allgemeiner auch für zwei beliebige Teilmengen der Gruppe sinnvoll.
- Das freie Produkt stellt das kategorielle Koprodukt in der Kategorie der Gruppen dar.
- Das amalgamierte Produkt ist eine Verallgemeinerung des freien Produkts, bei dem die Elemente einer gemeinsamen Untergruppe miteinander verschmolzen („amalgamiert“) werden.
Anmerkungen
- ↑
Damit ist die klammerlose Schreibweise
wohldefiniert.
- ↑
Die Forderung der Eindeutigkeit ist redundant,
denn aus der Maßgabe folgt: Ist
ein neutrales Element, dann ist
- ↑
Die Forderung der Eindeutigkeit ist redundant,
denn aus der Maßgabe folgt: Ist
ein zu
inverses Element, dann ist

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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 18.07. 2021