Normalteiler
Normalteiler sind im mathematischen Teilgebiet der Gruppentheorie betrachtete spezielle Untergruppen, sie heißen auch normale Untergruppen.
Ihre Bedeutung liegt vor allem darin, dass sie genau die Kerne von Gruppenhomomorphismen sind. Diese Abbildungen zwischen Gruppen ermöglichen es, einzelne Aspekte der Struktur einer Gruppe zu isolieren, um sie an der Bildgruppe in Reinform leichter studieren zu können.
Die Bezeichnung „…teiler“ bezieht sich darauf, dass sich aus einer Gruppe
und jedem ihrer Normalteiler
eine Faktorgruppe
bilden lässt. Diese Faktorgruppen sind homomorphe
Bilder von
,
und jedes homomorphe Bild von
ist zu einer solchen Faktorgruppe
isomorph.
Der französische Mathematiker Évariste Galois erkannte im 19. Jahrhundert als erster die Wichtigkeit des Konzeptes „Normalteiler“ für die Untersuchung nicht-kommutativer Gruppen.
Satz und Definition
Es sei
eine Untergruppe der Gruppe
und
ein beliebiges Element von
.
Die linke Nebenklasse
von
nach dem Element
von
ist die Teilmenge
.
Genauso erklärt man die rechte Nebenklasse von
nach dem Element
als
.
Man kann zeigen, dass für eine Untergruppe
folgende fünf Aussagen paarweise äquivalent sind:
- Für jedes
gilt
. (Man sagt auch:
ist invariant unter der Konjugation mit
.)
- Für jedes
und jedes
gilt
, das heißt
.
- Für jedes
stimmt die linke mit der rechten Nebenklasse von
überein:
.
- Die Menge
ist eine Vereinigung von Konjugationsklassen der Gruppe
.
- Es existiert ein Gruppenhomomorphismus
aus
, dessen Kern
ist.
Erfüllt eine Untergruppe
eine und damit jede der oben genannten Eigenschaften, so nennt man die
Untergruppe normal oder einen Normalteiler, die Begriffe
Normalteiler und normale Untergruppe sind gleichbedeutend. Die
Notation
bedeutet „
ist Normalteiler von
“.
Manche Autoren verwenden dafür auch
und reservieren die Bezeichnung
für den Fall, dass
.
Beispiele
- Jede Untergruppe einer abelschen Gruppe ist Normalteiler der Gruppe und viele Aussagen über Normalteiler sind für abelsche Gruppen trivial.
- Jede Gruppe besitzt die sogenannten trivialen Normalteiler, nämlich die
volle Gruppe selbst und die nur aus dem neutralen
Element bestehende Eins-Untergruppe. Alle anderen Normalteiler heißen
nicht-trivial. Es gibt Gruppen, die keine nicht-trivialen Normalteiler
besitzen, diese heißen einfach.
Beispiele sind die zyklischen
Gruppen
mit einer Primzahl
oder als kleinstes nicht-kommutatives Beispiel die alternierende Gruppe A5. Siehe „Endliche einfache Gruppe“ für weitere Beispiele.
- Das Zentrum und die Kommutatorgruppe einer Gruppe sind stets Normalteiler.
- In der symmetrischen
Gruppe S3
ist die dreielementige Untergruppe
ein Normalteiler. Die drei zweielementigen Untergruppen
sind keine Normalteiler.
- In einer topologischen Gruppe ist die Zusammenhangskomponente des neutralen Elementes ein abgeschlossener Normalteiler.
- Die Gruppe der inneren Automorphismen einer Gruppe ist stets ein Normalteiler in der vollen Automorphismengruppe.
Bemerkungen
Die Normalteilerrelation ist nicht transitiv,
das heißt, aus
und
folgt im Allgemeinen nicht
.
Ein Beispiel für diese Tatsache ist die alternierende
Gruppe A4, die einen zur kleinschen
Vierergruppe
isomorphen Normalteiler hat. Jede darin enthaltene zweielementige Untergruppe
ist Normalteiler in
,
nicht aber in
.
Eine Untergruppe ist genau dann Normalteiler in ,
wenn ihr Normalisator
ganz
ist. Eine Untergruppe ist immer Normalteiler in ihrem Normalisator.
Alle charakteristischen Untergruppen einer Gruppe sind Normalteiler der Gruppe, weil die Konjugation von Gruppenelementen ein Automorphismus ist. Die Umkehrung trifft im Allgemeinen nicht zu, so sind zum Beispiel die zweielementigen Untergruppen der kleinschen Vierergruppe normal, aber nicht charakteristisch.
Urbilder eines Normalteilers unter einem Gruppenhomomorphismus sind wieder Normalteiler. Bilder von Normalteilern sind im Allgemeinen nicht normal, wie etwa die Inklusionsabbildung einer Untergruppe, die nicht Normalteiler ist, zeigt. Die Bilder eines Normalteilers unter surjektiven Gruppenhomomorphismen sind aber wieder Normalteiler.
Eine Untergruppe von Index
2 ist immer ein Normalteiler. Allgemeiner gilt: Ist
eine Untergruppe und ist der Index
von
gleich der kleinsten Primzahl, welche die Ordnung
von
teilt, so ist
ein Normalteiler.
Normalteiler, Gruppenhomomorphismen und Faktorgruppe
Faktorgruppe
Die Nebenklassen
eines Normalteilers
bilden mit dem Komplexprodukt
eine Gruppe, die die Faktorgruppe
von
nach
heißt.
Die Faktorgruppe besteht also aus den Nebenklassen von ,
das heißt
,
und das Produkt zweier Nebenklassen ist als Komplexprodukt
definiert. Für einen Normalteiler
von
und beliebige Elemente
von
ist nämlich das Komplexprodukt zweier Nebenklassen wieder eine Nebenklasse, und
zwar
.
Dies folgt aus der Gleichheit von Rechts- und Linksnebenklassen (s.o.):
.
Für eine Untergruppe, die kein Normalteiler ist, ist das Komplexprodukt zweier Links- (oder Rechts-) Nebenklassen im Allgemeinen keine Links- bzw. Rechtsnebenklasse.
Kanonischer Homomorphismus
Ist
ein Normalteiler, so ist die Abbildung
,
die jedes Gruppenelement
auf die Nebenklasse
abbildet, ein Gruppenhomomorphismus von
in die Faktorgruppe
.
ist surjektiv
und der Kern
ist gerade
.
Mann nennt diesen Gruppenhomomorphismus den kanonischen Homomorphismus
.
Kerne als Normalteiler
Der Kern
eines beliebigen Gruppenhomomorphismus
ist stets ein Normalteiler der abgebildeten Gruppe. Zur Verdeutlichung der
Definitionen wird der Beweis hier ausgeführt. Sei
|
ein Gruppenhomomorphismus und |
|
dessen Kern (mit |
Dann ist für alle
und
also
und damit
ein Normalteiler in
nach Definition 2.
Zusammen mit den Überlegungen zum kanonischen Homomorphismus zeigen diese Überlegungen, dass die Normalteiler genau die Kerne von Gruppenhomomorphismen sind. Zu diesem Themenkreis siehe auch „Homomorphiesatz“.
Normalteiler- und Untergruppenverband
Die Normalteiler einer Gruppe
bilden ein Mengensystem,
das sogar ein Hüllensystem
ist. Dieses Hüllensystem ist ein vollständiger
Verband, der Normalteilerverband. Hier bedeutet dies konkret:
- Die Schnittmenge von Normalteilern von
ist ein Normalteiler,
- Zu jeder Teilmenge
von
existiert ein eindeutig bestimmter kleinster Normalteiler
, der diese Menge enthält. (Diese Operation
ist hier die Hüllenoperation). Spezialfälle: Der triviale Normalteiler
, der nur das neutrale Element
der Gruppe enthält, ist
,
selbst ist Normalteiler. Hieraus folgt die Vollständigkeit des Verbandes.
Wie das modulare Gesetz von Dedekind zeigt, ist der Normalteilerverband ein modularer Unterverband des Untergruppenverbandes. Letzterer ist im Allgemeinen nicht modular.
Komplementäre Normalteiler und inneres direktes Produkt
Im Allgemeinen gibt es im Normalteilerverband keine Komplementärobjekte. Hat
ein Normalteiler
jedoch ein Komplementärobjekt
,
das heißt, gilt für die Normalteiler
und
,
dann ist die Gruppe
als (inneres) direktes
Produkt dieser Normalteiler darstellbar:
,
das heißt, jedes Gruppenelement
hat eine eindeutige Darstellung als Produkt
von Elementen
und
.
Umgekehrt ist jeder Faktor
eines (äußeren) direkten Produktes
(isomorph zu einem) Normalteiler der Produktgruppe
und das Produkt aus den übrigen Faktoren ist isomorph zu einem dazu
komplementären Normalteiler.
Eine Verallgemeinerung dieser Aussage: Für zwei Normalteiler, die eine
triviale Schnittmenge haben, d.h. ,
gilt:
- Ihre Elemente kommutieren untereinander, ohne dass natürlich einer der beiden Normalteiler kommutativ sein müsste:
- Ihr Supremum im Verband der Normalteiler stimmt mit ihrem Komplexprodukt überein, das wiederum zu ihrem (äußeren) direkten Produkt isomorph ist:
Beide Aussagen treffen im Allgemeinen für Untergruppen, die keine
Normalteiler sind, nicht zu. Zum Beispiel schneiden sich in der freien Gruppe über zwei
Elementen
die beiden unendlichen zyklischen Untergruppen
und
in der Einsgruppe. Die Gruppe
(äußeres direktes Produkt) ist aber zu keiner Untergruppe von
isomorph. Das Komplexprodukt
ist keine Untergruppe von
,
da z.B.
ist, aber
.
Inneres semidirektes Produkt
Ist nur
ein Normalteiler und
eine nicht notwendig normale Untergruppe der Gruppe
und schneiden sich die beiden in der Einsgruppe, gilt also
,
dann gilt:
- Das Komplexprodukt
ist eine (nicht notwendig normale) Untergruppe von
.
- Jedes Element
ist als Produkt
von Elementen
und
eindeutig darstellbar.
- Natürlich ist der Normalteiler
von
stets normal in
. Die Untergruppe
ist genau dann normal in
, wenn die Elemente von
und
untereinander kommutieren (s.o.).
In der beschriebenen Situation ()
bezeichnet man das Komplexprodukt
als (inneres) semidirektes
Produkt der Untergruppen
und
.
Das äußere semidirekte Produkt besteht, wie in dem genannten Artikel
ausgeführt, aus dem kartesischen Produkt zweier Gruppen (hier
und
)
zusammen mit einem Homomorphismus
von
in die Gruppe der Automorphismen von
.
Das äußere semidirekte Produkt wird dann häufig als
geschrieben. Von den technischen Details interessiert in unserem Zusammenhang
nur, dass durch
die Rechenregel (Relation)
auf dem kartesischen Produkt
eingeführt wird. Die Schreibweise
bedeutet hier, der Automorphismus
wird auf
angewandt, es gilt hier wie im Folgenden immer
.
Diese Rechenregel ermöglicht es, alle Produkte (durch Durchschieben der Elemente
von
nach rechts) auf die Standardform
zu bringen. In unserem Fall eines inneren Produkts entspricht dem die
Rechenregel
,
das heißt,
operiert auf
durch Konjugation,
ist der durch diese Konjugation definierte Automorphismus des Normalteilers
.
Im Sinne dieser Überlegungen ist das Komplexprodukt
(hier ein inneres semidirektes Produkt) isomorph zu dem äußeren semidirekten
Produkt
.
Jedes direkte Produkt ist auch ein spezielles semidirektes,
wie hier beschrieben ist genau dann das (innere) direkte Produkt von
und
,
wenn eine der folgenden, paarweise äquivalenten, Bedingungen zutrifft:
(auch
ist ein Normalteiler des Produkts).
(Elemente der beiden Faktorgruppen können in Produkten untereinander vertauscht werden, ohne dass sich der Wert des Produkts ändert).
(Konjugation mit Elementen aus
lässt
punktweise fest).
Siehe auch
- Reihe (Gruppentheorie), gewisse Ketten von Normalteilern
- Auflösbare Gruppen und nilpotente Gruppen, Gruppen mit speziellen Reihen
- charakteristische
Untergruppe
Normalteiler
Untergruppe
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 01.01. 2020