Signatur (Lineare Algebra)
Die Signatur (auch Trägheitsindex oder Index) ist ein Objekt aus der Mathematik, das vor allem in der linearen Algebra aber auch in unterschiedlichen Bereichen der Differentialgeometrie betrachtet wird. Genau handelt es sich um ein Zahlentripel, das eine Invariante einer symmetrischen Bilinearform ist. Dieses Zahlentripel ist also insbesondere unabhängig von der Basiswahl, bezüglich der die Bilinearform dargestellt wird. Grundlegend für die Definition der Signatur ist der Trägheitssatz von Sylvester, benannt nach dem Mathematiker James Joseph Sylvester. Daher wird die Signatur manchmal auch Sylvester-Signatur genannt.
Definition
Sei
ein endlichdimensionaler reeller Vektorraum
und
eine symmetrische
Bilinearform mit der Darstellungsmatrix
.
Diese Matrix hat auf der Hauptdiagonalen
die Einträge ,
und
,
alle anderen Koeffizienten sind
.
Mit
wird nun die Anzahl der
-Einträge,
mit
die Anzahl der
-Einträge
und mit
die Anzahl der
-Einträge
bezeichnet. Dann heißt das Tripel
Trägheitsindex oder (Sylvester-)Signatur von .
Da nach dem Trägheitssatz
von Sylvester jede symmetrische Bilinearform eine Diagonalmatrix wie
als Darstellungsmatrix besitzt, ist die Signatur für alle symmetrischen
Bilinearformen wohldefiniert.
Stehen auf der Hauptdiagonalen der Darstellungsmatrix
keine Null-Einträge, (ist also die symmetrische Bilinearform nicht
ausgeartet), dann wird der Koeffizient
auch manchmal weggelassen und man nennt das Tupel
die Signatur von .
Gelegentlich wird auch
als Signatur bezeichnet (insbesondere, wenn keine Ausartung vorliegt).
Mitunter wird
auch Index genannt.
Der Begriff der Signatur wird auch für symmetrische
Matrizen
verwendet. Er bezeichnet dann die Signatur der durch
für
definierten symmetrischen Bilinearform.
Signatur der Minkowski-Metrik
Ein wichtiges Beispiel aus der Physik ist die Minkowski-Metrik der speziellen Relativitätstheorie. Dies ist eine symmetrische Bilinearform mit der Darstellungsmatrix
.
Dabei steht der Eintrag
links oben in der Matrix für die Zeitkoordinate, welche das entgegengesetzte
Vorzeichen zu den übrigen drei räumlichen Koordinaten besitzt. Die Signatur
in der die Zeit ein positives Vorzeichen hat wird auch als
geschrieben und in englischsprachiger Literatur West Coast
convention genannt. Die umgekehrte Signatur
als
geschrieben und East Coast convention genannt.
Mithilfe der Signatur der Metrik lässt sich ein Vektor
anhand seines Skalarprodukts
als zeitartig, lichtartig oder raumartig klassifizieren. So gilt für die East Coast convention
:
raumartig
lichtartig
zeitartig
und für die West Coast convention :
zeitartig
lichtartig
raumartig
Algorithmus zur Bestimmung der Signatur
Um die Signatur einer symmetrischen Bilinearform
zu berechnen, muss nicht notwendigerweise der Basiswechsel
der Darstellungsmatrix von
ermittelt werden. Nachdem eine beliebige Darstellungsmatrix
(nicht notwendigerweise in Diagonalform) der symmetrischen Bilinearform
bestimmt wurde, kann diese auch als eine Darstellungsmatrix eines Endomorphismus
aufgefasst werden. Von dieser Matrix kann man dann die Eigenwerte bestimmen.
Bezeichnet man dann mit
die Anzahl der positiven Eigenwerte, mit
die Anzahl der negativen Eigenwerte und mit
die Vielfachheit des Eigenwerts
,
dann entspricht
der Signatur von .
Beispiel
Sei
eine symmetrische Bilinearform. So hat die darstellende Matrix der kanonischen Basis die
Form
.
Fasst man diese Matrix zwischenzeitlich als selbstadjungierten Endomorphismus
von
auf, so weiß man auf Grund des Spektralsatzes,
dass es eine Orthonormalbasis aus Eigenvektoren gibt, sodass
Diagonalgestalt hat. Multipliziert man jeden Eigenvektor noch mit
,
wobei
der entsprechende Eigenwert ist, und führt dann die Basistransformation durch,
so erhält man eine Diagonalmatrix mit Einträgen 1 und −1 auf der Diagonalen.
Hier kann man direkt die Signatur ablesen. In unserem konkreten Beispiel lauten
die Eigenwerte
und
und die orthonormalen Eigenvektoren
und
.
Multipliziert man diese Basis noch wie oben beschrieben mit
,
so erhält man als Transformationsmatrix
und die Basistransformation sieht folgendermaßen aus:
Also hat die der Matrix zugeordnete Bilinearform die Signatur .
Bei diesem Beispiel muss man allerdings beachten, dass Bilinearformen keine
Eigenwerte besitzen und dass der Weg über die Eigenwerte nur ein Trick zum
Rechnen ist.
Die obige Diagonalform ließe sich auch mit dem Gauß-Algorithmus berechnen, indem Umformungen immer gleichermaßen auf Zeilen und Spalten angewendet werden.
Spezialfall
Gegeben ist eine symmetrische, nicht-singuläre Matrix. Dann ist die Signatur gegeben durch:
Hierbei bezeichnet
den ersten Hauptminor
von
.
Die beiden anderen Größen ergeben sich bei Berechnung der Determinanten
der weiteren Minoren, wobei nur das Vorzeichen wichtig ist.
ist die Anzahl an gleichbleibenden Vorzeichen von
nach
und
die Anzahl an Vorzeichenwechsel von
nach
.
Die Signatur in der Differentialgeometrie
Signatur einer Pseudo-Riemannschen Mannigfaltigkeit
In der Differentialgeometrie verallgemeinert man symmetrische Bilinearformen auf differenzierbare Mannigfaltigkeiten in Form symmetrischer kovarianter glatter Tensorfelder zweiter Stufe. Ein solches Tensorfeld wirkt dann in jedem Punkt auf dem jeweiligen Tangentialraum als Bilinearform. Ist die Signatur der jeweiligen Bilinearform in jedem Punkt der Mannigfaltigkeit dieselbe und sind diese nicht ausgeartet, so spricht man von einer Pseudo-Riemannschen Metrik und nennt eine Mannigfaltigkeit, die mit einer solchen Metrik versehen ist, Pseudo-Riemannsche Mannigfaltigkeit. Solche Mannigfaltigkeiten sind Untersuchungsgegenstand der Pseudo-Riemannschen Geometrie und spielen eine wichtige Rolle in der Physik.
Signatur einer Mannigfaltigkeit
In der globalen Analysis, einem Teilbereich der Differentialgeometrie, betrachtet man die Signatur einer Mannigfaltigkeit. Um die Signatur eines solchen „gekrümmten Raums“ zu definieren, wird eine spezielle Bilinearform gewählt und festgelegt, dass ihre Signatur die Signatur der Mannigfaltigkeit ist. Der Signatursatz von Hirzebruch ist eine zentrale Aussage in diesem Kontext. Er setzt die Signatur, die eine Invariante der Bilinearform ist, mit einer Invarianten der Mannigfaltigkeit in Verbindung.
Sei
eine kompakte,
orientierbare
glatte
Mannigfaltigkeit, deren Dimension
durch
teilbar ist. Außerdem wird mit
die De-Rham-Kohomologie
von
bezeichnet. Betrachte die Bilinearform
,
die durch
definiert ist. Diese ist symmetrisch und aufgrund der Poincaré-Dualität
nichtausgeartet, das heißt .
Dann ist die Signatur
der Mannigfaltigkeit
definiert als die Signatur
der Bilinearform
,
das heißt
Literatur
- Gerd Fischer: Lineare Algebra. Vieweg-Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-528-03217-0.
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 23.06. 2021