Euler-Charakteristik
Die Euler-Charakteristik ist im mathematischen Teilgebiet der Topologie
eine Kennzahl/topologische
Invariante für topologische Räume, zum Beispiel für geschlossene
Flächen. Als Bezeichnung verwendet man üblicherweise .
Benannt ist sie nach dem Mathematiker Leonhard
Euler, der 1758 bewies, dass für
die Anzahl der Ecken,
die Anzahl der Kanten und
die Anzahl der Flächen eines konvexen Polyeders
die Beziehung
gilt. Diese spezielle Aussage heißt eulerscher
Polyedersatz. Man kann die Euler-Charakteristik, also die Zahl
,
allgemeiner auch für CW-Komplexe
definieren. Diese Verallgemeinerung nennt man auch
Euler-Poincaré-Charakteristik, was auf den Mathematiker Henri Poincaré
hinweisen soll. Flächen, die unter topologischen Gesichtspunkten als gleich
angesehen werden, haben dieselbe Euler-Charakteristik. Sie ist deshalb eine
ganzzahlige topologische
Invariante. Die Euler-Charakteristik ist ein wichtiges Objekt im Satz von
Gauß-Bonnet. Dieser stellt nämlich einen Zusammenhang zwischen der gaußschen
Krümmung und der Euler-Charakteristik her.
Definition
Für Flächen
Eine geschlossene
Fläche
lässt sich stets triangulieren,
das heißt man kann sie immer mit einem endlichen Dreiecksgitter überziehen. Die
Euler-Charakteristik
ist dann definiert als
wobei mit
die Anzahl der Ecken,
die Anzahl der Kanten und mit
die Anzahl der Dreiecke in der Triangulierung gemeint ist.
Für CW-Komplexe
Sei
ein topologischer
Raum, der ein endlichdimensionaler CW-Komplex
ist. Mit
werde die Anzahl der Zellen der Dimension
bezeichnet und
sei die Dimension des CW-Komplexes. Dann ist die Euler-Charakteristik durch die
alternierende Summe
definiert. Diese Euler-Charakteristik für CW-Komplexe wird auch
Euler-Poincaré-Charakteristik genannt. Zerlegt man den Raum statt in Zellen in
Simplizes,
so kann man die Euler-Charakteristik auch analog durch den so erhaltenen Simplizialkomplex
definieren. Für die Euler-Charakteristik gilt
wobei
die Anzahl der
-dimensionalen
Simplizes von
ist. Für einen Simplizialkomplex eines zwei-dimensionalen Raums erhält man mit
,
und
die Definition der Euler-Charakteristik auf Flächen wieder. Der Wert der
Charakteristik ist unabhängig von der Art der Berechnung.
Definition mittels singulärer Homologie
Sei
wieder ein topologischer Raum. Der Rang der i-ten singulären
Homologiegruppen heißt i-te Bettizahl
und wird mit
bezeichnet. Wenn die singulären Homologiegruppen endlichen Rang haben und nur
endlich viele Bettizahlen ungleich null sind, dann ist die Euler-Charakteristik
von
durch
definiert. Falls
ein CW-Komplex ist, dann gibt diese Definition den gleichen Wert wie in der
Definition für CW-Komplexe. Beispielsweise erfüllt eine geschlossene,
orientierbare
differenzierbare
Mannigfaltigkeit die Voraussetzungen an die singuläre Homologie.
Eigenschaften
Wohldefiniertheit
Eine wichtige Beobachtung ist, dass die gegebene Definition unabhängig vom gewählten Dreiecksgitter ist. Dies lässt sich zeigen, indem man zu einer gemeinsamen Verfeinerung gegebener Gitter übergeht, ohne dass sich die Euler-Charakteristik dabei ändert.
Da Homöomorphismen eine Triangulierung erhalten, ist die Euler-Charakteristik darüber hinaus sogar nur vom topologischen Typ abhängig. Umgekehrt folgt aus einer unterschiedlichen Euler-Charakteristik zweier Flächen, dass sie topologisch verschieden sein müssen. Daher nennt man sie eine topologische Invariante.
Zusammenhang zum Geschlecht der Fläche
Die Euler-Charakteristik
und das Geschlecht
der Fläche
hängen zusammen. Ist die Fläche
orientierbar,
dann gilt die Beziehung
ist die Fläche nicht orientierbar, so gilt hingegen die Gleichung
Diese Formel für orientierbare Flächen ergibt sich folgendermaßen: Wir starten mit einer 2-Sphäre, also einer Fläche vom Geschlecht 0 und Euler-Charakteristik 2. Eine Fläche vom Geschlecht g erhält man daraus durch g-fache Bildung der verbundenen Summe mit einem Torus. Die verbundene Summe lässt sich so einrichten, dass die Verklebung jeweils entlang eines Dreiecks der Triangulierung erfolgt. Es ergibt sich pro Verklebung die folgende Bilanz:
- Flächen:
(die beiden Verklebeflächen)
- Kanten:
(je 3 Kanten werden verklebt, sie zählen dann nur noch einmal)
- Ecken:
(je 3 Ecken werden verklebt, sie zählen ebenfalls nur noch einmal)
insgesamt also .
Durch jeden der g Tori verringert sich die Euler-Charakteristik also um
2.
Zusammenhang mit dem eulerschen Polyedersatz
Sei
ein konvexes Polyeder, das
man in das Innere einer 2-Sphäre
einbetten kann. Nun kann man die Ecken, Kanten und Außenflächen diese Polyeders
als Zellen eines CW-Komplexes betrachten. Auch die singulären Homologiegruppen
des Komplexes sind endlichdimensional. Da das Polyeder
orientierbar ist und Geschlecht 0 hat folgt aus obigem Abschnitt, dass die
Euler-Charakteristik den Wert 2 hat. Insgesamt ergibt sich also die Formel
,
wobei
die Anzahl der Ecken,
die der Kanten und
die Anzahl der Flächen beschreibt. Diese Formel heißt eulersche
Polyederformel.
Beispiele
- Die 2-Sphäre
hat die Euler-Charakteristik 2.
- Die reelle projektive
Ebene
ist nicht orientierbar und hat die Euler-Charakteristik 1.
- Der Torus hat die Euler-Charakteristik 0.
- Jede ungerade-dimensionale geschlossene Mannigfaltigkeit hat Euler-Charakteristik 0. (Das folgt aus Poincaré-Dualität.)
- Die Euler-Charakteristik gerade-dimensionaler geschlossener Mannigfaltigkeiten kann mittels ihrer Krümmung berechnet werden, siehe Satz von Chern-Gauß-Bonnet.
Verbindung zur Euler-Klasse
Für geschlossene,
orientierbare,
differenzierbare
Mannigfaltigkeiten
mit Tangentialbündel
und Fundamentalklasse
kann die Euler-Charakteristik von
auch äquivalent durch
definiert werden, wobei
die Euler-Klasse von
ist.
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 12.02. 2025