Riemannsche Fläche
Eine riemannsche Fläche ist im mathematischen Teilgebiet der Funktionentheorie (engl. complex analysis) eine eindimensionale komplexe Mannigfaltigkeit. Riemannsche Flächen sind die einfachsten geometrischen Objekte, die lokal die Struktur der komplexen Zahlen besitzen. Benannt sind sie nach dem Mathematiker Bernhard Riemann. Die Untersuchung von riemannschen Flächen fällt in das mathematische Gebiet der Funktionentheorie und hängt wesentlich von Methoden der algebraischen Topologie und algebraischen Geometrie ab.
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Die riemannsche Fläche ist – historisch gesehen – die Antwort darauf, dass holomorphe
Funktionen nicht immer eindeutige Fortsetzungen haben. So erhält zum
Beispiel der Hauptzweig des komplexen
Logarithmus (der ja in einer Umgebung von
definiert ist) bei Fortsetzung entlang eines positiv orientierten Kreises um 0
das zusätzliche Argument
.
Geschichte
Die Theorie der riemannschen Flächen entstand aus der Tatsache, dass bei der analytischen Fortsetzung holomorpher Funktionen entlang unterschiedlicher Wege unterschiedliche Funktionswerte entstehen können, so wie es beispielsweise beim komplexen Logarithmus der Fall ist. Um wieder eindeutige Fortsetzungen zu erhalten, ersetzte man den Definitionsbereich durch eine mehrblättrige Fläche, die so viele Blätter hatte, wie es Möglichkeiten zur Fortsetzung der Funktion gab. Auf einer solchen Überlagerungsfläche ist die analytische Fortsetzung wieder eindeutig. Abstrahiert man diesen Begriff weiter, so erhält man den heutigen Begriff der riemannschen Fläche. Bernhard Riemann erklärte die nach ihm benannten Flächen zunächst wie folgt: Mehrere (eventuell unendlich viele) komplexe Zahlenebenen werden übereinandergelegt, mit bestimmten (zum Beispiel geradlinigen) Schnitten versehen und dann längs dieser Schnitte zusammengeklebt. Diese anschauliche Vorstellung war zunächst sehr fruchtbar, obwohl sie als unexakt kritisiert wurde. Die heutige Definition stammt von Hermann Weyl. In seinem Buch Die Idee der Riemannschen Fläche (1913) definierte er den heute grundlegenden Begriff der (reellen bzw. komplexen) Mannigfaltigkeit.
Definition
Eine riemannsche Fläche
ist eine komplexe
Mannigfaltigkeit der Dimension eins.
Das bedeutet, dass
ein Hausdorffraum
ist, der mit einer komplexen
Struktur ausgestattet ist. (Das in der Definition komplexer
Mannigfaltigkeiten sonst verlangte zweite
Abzählbarkeitsaxiom braucht in der Definition riemannscher Flächen nicht
vorausgesetzt zu werden, weil es dort nach dem Satz
von Radó bereits aus den anderen Eigenschaften folgt.)
Komplexe Kurve
Jede Riemannsche Fläche ist biholomorph zu einer glatten komplexen projektiven Varietät der Dimension eins. In der algebraischen Geometrie bezeichnet man deshalb auch eine Riemannsche Fläche als glatte komplexe Kurve.
Beispiele
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- Die komplexe
Ebene
ist die einfachste riemannschen Fläche. Die identische Abbildung
definiert eine Karte für ganz
, daher ist die Menge
ein Atlas für
.
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- Jedes Gebiet
ist ebenfalls eine riemannsche Fläche. Hier ist ebenfalls wieder die identische Abbildung eine Karte für das ganze Gebiet. Allgemeiner ist sogar jede offene Teilmenge einer riemannschen Fläche wieder eine riemannsche Fläche.
- Die riemannsche
Zahlenkugel
ist eine kompakte riemannsche Fläche. Sie wird mitunter auch als komplex-projektive Gerade
oder kurz
bezeichnet.
- Die Torusfläche
für ein Gitter
, auf der die elliptischen Funktionen erklärt werden, ist eine kompakte riemannsche Fläche.
Theorie der riemannschen Flächen
Aufgrund der komplexen Struktur auf der riemannschen Fläche ist es möglich,
holomorphe und meromorphe
Abbildungen auf und zwischen riemannschen Flächen zu definieren. Viele der Sätze
aus der Funktionentheorie auf der komplexen Ebene über holomorphe und meromorphe
Funktionen lassen sich für riemannsche Flächen verallgemeinern. So lassen sich
der riemannsche
Hebbarkeitssatz, der Identitätssatz
und das Maximumsprinzip auf riemannsche Flächen übertragen. Jedoch muss man
feststellen, dass insbesondere auf kompakten
riemannschen Flächen die holomorphen Funktionen nicht sonderlich reichhaltig
sind. Präzise bedeutet dies, dass eine holomorphe Funktion
auf der kompakten Fläche
immer konstant sein muss. Eine kompakte riemannsche Fläche ist also nicht holomorph
separabel, auf ihr existieren nur die konstanten holomorphen Funktionen. Der
cauchysche
Integralsatz und die cauchysche
Integralformel, zwei zentrale Sätze der Funktionentheorie der komplexen
Ebene, lassen sich nicht analog auf riemannschen Flächen beweisen. Auf differenzierbaren
Mannigfaltigkeiten im Allgemeinen beziehungsweise auf riemannschen Flächen
im Besonderen muss die Integration mit Hilfe von Differentialformen
erklärt werden, damit sie unabhängig von der Wahl der Karte ist. Jedoch
existiert der für die Integrationstheorie zentrale Satz von Stokes. Mit
dessen Hilfe kann man den Residuensatz,
der in der komplexen Ebene aus der cauchyschen Integralformel folgt, auch für
riemannsche Flächen beweisen.
Neben Fortsetzungssätzen sind in der Theorie der riemannschen Flächen
Aussagen über Null-
und Polstellen von besonderem
Interesse. So konnte ja schon in der Funktionentheorie der komplexen Ebene mit
Hilfe des Satzes
von Liouville ein einfacher Beweis für den Fundamentalsatz
der Algebra gefunden werden. In der Theorie der riemannschen Flächen erhält
man zum Beispiel folgenden verhältnismäßig einfachen Satz. Seien
und
riemannsche Flächen und
eine eigentliche,
nicht-konstante holomorphe Abbildung. Dann existiert eine natürliche Zahl
,
so dass
jeden Wert
mit Vielfachheit gerechnet
-mal
annimmt. Da meromorphe Funktionen
als holomorphe Abbildungen
aufgefasst werden können, wobei
die riemannsche
Zahlenkugel bezeichnet, ergibt sich, dass auf einer kompakten riemannschen
Fläche jede nicht-konstante meromorphe Funktion
ebenso viele Nullstellen wie Pole hat.
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 07.04. 2021