Rationale Funktion
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blau: Polgerade durch die Polstelle bei
grün: Asymptotenfunktion
Eine rationale Funktion ist in der Mathematik eine Funktion, deren Term sich in der Form
mit natürlichen
Zahlen
schreiben lässt, also als Quotient
zweier Polynome darstellbar ist. Die
Funktion ist also ein Quotient
zweier ganzrationaler
Funktionen. Die Zahlen
können beliebige reelle
Zahlen (oder auch komplexe
Zahlen) sein; die einzige Einschränkung ist, dass
sein muss. Die rationalen Funktionen gehören zu den meromorphen
Funktionen.
Einteilung
- Ist das Nennerpolynom
vom Grad
, also konstant, so spricht man von einer ganzrationalen Funktion oder von einer Polynomfunktion.
- Kann man den Funktionsterm nur mit einem Nennerpolynom vom Grad
darstellen, so handelt es sich um eine gebrochenrationale Funktion.
- Ist
und
, so handelt es sich um eine echt gebrochenrationale Funktion.
- Ist
und
, so handelt es sich um eine unecht gebrochenrationale Funktion. Sie kann über Polynomdivision in eine ganzrationale Funktion und eine echt gebrochenrationale Funktion aufgeteilt werden (siehe unten).
- Ist
Beispiele für rationale Funktionen mit unterschiedlichen Zählergraden
und Nennergraden
:
Beispiel | alternative Schreibweise | z = | n = | Funktionstyp |
---|---|---|---|---|
3 | 0 | ganzrational | ||
1 | 2 | echt gebrochenrational | ||
3 | 3 | unecht gebrochenrational | ||
2 | 1 | unecht gebrochenrational |
Asymptotisches Verhalten
Für das Verhalten für
gegen Unendlich
sind die Grade
bzw.
des Zähler- bzw. Nenner-Polynoms entscheidend:
Für
geht
- gegen
, falls
, wobei
die Vorzeichenfunktion darstellt.
- gegen
, falls
(die Asymptote ist parallel zur
-Achse),
- gegen
(die
-Achse ist waagrechte Asymptote), falls
.
Für
ergibt sich im zweiten und dritten Fall jeweils derselbe Grenzwert wie für
.
Im ersten Fall muss man Zähler- und Nennergrad noch genauer berücksichtigen:
- Ist
gerade, so ergibt sich derselbe Grenzwert wie für
.
- Ist
ungerade, so ändert sich im Vergleich zu
das Vorzeichen des Grenzwerts.
Wie weiter unten beschrieben, kann man im ersten Fall den Funktionsterm
mittels Polynomdivision
immer in ein Polynom und einen echt gebrochenrationalen Term zerlegen; das
Polynom beschreibt dann eine sogenannte Asymptotenkurve. (Das Verhalten der
Funktionswerte für
kann man dann auch einfacher erhalten, indem man nur das Verhalten der
Asymptotenkurve untersucht.) Im Sonderfall
ergibt sich eine schräg verlaufende Asymptote.
Beispiele:
- Bei der gebrochenrationalen Funktion
ist der Zählergrad
und der Nennergrad
, der Grenzwert für
ist also
.
- Die gebrochenrationale Funktion
hat den Zählergrad
und auch den Nennergrad
; da hier
und
ist, ergibt sich für die Gleichung der waagrechten Asymptote:
.
- Die gebrochenrationale Funktion
hat den Zählergrad
und den Nennergrad
; mit den Koeffizienten
und
ergibt sich also:
für
. Da hier
ungerade ist, folgt für den Grenzwert für
das umgedrehte Vorzeichen, also
. Diese Funktion kann man auch schreiben als
, das heißt, die (schräge) Asymptote hat die Gleichung
(und daraus ergibt sich auch leicht wieder das eben geschilderte Grenzverhalten).
Kurvendiskussion
Anhand des Funktionsterms
der rationalen Funktion
lassen sich folgende Aussagen zum Funktionsgraphen
machen (Kurvendiskussion).
Symmetrie
Eine Polynomfunktion (ganzrationale Funktion) ist gerade/ungerade, wenn alle
Exponenten
gerade/ungerade sind. Sind Zählerpolynom
und Nennerpolynom
von einem dieser beiden Typen, so ist auch die rationale Funktion
gerade oder ungerade:
- Sind
und
beide gerade oder beide ungerade, so ist
gerade (d.h. der Graph ist symmetrisch zur y-Achse)
- Ist
gerade und
ungerade, so ist
ungerade (d.h. der Graph ist punktsymmetrisch zum Ursprung); gleiches gilt, wenn
ungerade und
gerade ist.
In allen anderen Fällen, wenn also Zähler- oder Nennerfunktion oder beide
weder gerade noch ungerade sind, sind Symmetrieeigenschaften von
schwieriger zu entscheiden. (Siehe auch Symmetrie
in der Geometrie).
Beispiele:
- Der Graph zur Funktion
mit
ist symmetrisch zum Ursprung, da
ungerade und
gerade, die Funktion insgesamt also ungerade ist.
- Der Graph zur Funktion
ist symmetrisch zur y-Achse, da
und
beide ungerade, die Funktion insgesamt also gerade ist. Das kann man auch anders sehen: Klammert man in Zähler und Nenner jeweils x aus, kann man den Funktionsterm kürzen zu
; nun sind
und
gerade, die Funktion insgesamt also wiederum gerade.
- Beim Graph zur Funktion mit dem Term
ist zunächst keine Symmetrie erkennbar (
ist ungerade,
aber weder gerade noch ungerade); man kann aber zeigen, dass der Graph symmetrisch zum Punkt P(1|1) ist; es gilt nämlich:
und
,
- also insgesamt:
, was eben gerade Symmetrie zum Punkt P(1|1) bedeutet. Alternativ kann man auch zeigen, dass der Graph von
aus dem Graph der Funktion
(welcher symmetrisch zum Ursprung ist) durch Verschieben um 1 in x-Richtung und um 1 in y-Richtung hervorgeht.
Definitionsbereich, Nullstellen und Polstellen
Die gebrochenrationale Funktion ist an den Nullstellen der Nennerfunktion
nicht definiert.
Die Nullstellen einer
gebrochenrationalen Funktion werden durch diejenigen Nullstellen der
Zählerfunktion
bestimmt, die zum Definitionsbereich der gesamten Funktion gehören.
Ein Spezialfall ergibt sich, wenn eine reelle Zahl
gleichzeitig Nullstelle des Zählerpolynoms und des Nennerpolynoms ist. Dann sind
Zähler- und Nennerpolynom durch den zugehörigen Linearfaktor
(eventuell sogar mehrfach) teilbar, das heißt, der Funktionsterm kann mit diesem
Faktor (eventuell mehrfach) gekürzt werden.
- Kommt
im Nenner öfter vor als im Zähler, so liegt eine Polstelle vor (die entsprechende Potenz heißt dann die Vielfachheit der Polstelle);
- andernfalls hat die rationale Funktion an der Stelle
eine stetig behebbare Definitionslücke, und man kann die Funktion stetig fortsetzen
Beispiele:
- Die Funktion
hat den Definitionsbereich
, da die Nennerfunktion
die Nullstelle
hat, und die Nullstelle
, da das die einzige Nullstelle der Zählerfunktion
ist (und
zu
gehört).
ist eine (doppelte) Polstelle.
- Die Funktion
hat den Definitionsbereich
. Hier ist aber nun
eine Nullstelle der Zähler- und der Nennerfunktion. Um den entsprechenden Linearfaktor
zu kürzen, faktorisiert man Zähler und Nenner zunächst (durch Ausklammern bzw. Anwenden der binomischen Formeln); das führt auf
bzw. nach kürzen auf
. Damit ergibt sich:
ist eine (einfache) Polstelle,
dagegen eine stetig behebbare Definitionslücke von
, und
hat die Nullstelle
(beachte:
ist keine Nullstelle von
, da dieser Wert nicht zu
gehört!). Für die stetige Fortsetzung von
ergibt sich:
und
.
Asymptote
Durch die Polynomdivision von
durch
erhält man
mit Polynomen
und
,
wobei der Grad von
kleiner als der von
ist. Das asymptotische Verhalten
von
ist damit durch die ganzrationale
Funktion ("Asymptotenfunktion")
bestimmt (die konkrete Durchführung der Polynomdivision ist nur bei 3. und 4.
notwendig):
→ x-Achse ist Asymptote:
→ waagerechte Asymptote:
→ schräge Asymptote:
(Spezialfall von 4)
→ ganzrationale Näherungsfunktion
Ableitung
Zum Ableiten gebrochenrationaler Funktionen muss man im Allgemeinen die Quotientenregel verwenden; zusätzlich kann auch oft die Kettenregel nützlich sein, beispielsweise wenn die Nennerfunktion eine Potenz eines Binoms ist. Vor dem Ableiten empfiehlt es sich oft, den Funktionsterm zunächst mit Hilfe einer Polynomdivision umzuschreiben und den übrigen echt gebrochenrationalen Term zu kürzen.
Beispiele:
- Bei der Funktion
ist es sinnvoll, neben der Quotientenregel auch die Kettenregel anzuwenden, statt zunächst im Nenner die erste binomische Formel anzuwenden. Mit der Kettenregel ergibt sich zunächst für die Ableitung der Nennerfunktion
(in der Quotientenregel meist mit
bezeichnet):
,
- und damit insgesamt für die Ableitungsfunktion von
:
.
- Nun kann man im Zähler einen Faktor
ausklammern und kürzen:
.
- Vereinfachen des Zählers führt schließlich auf
.
- Den Funktionsterm
bringt man mit Hilfe einer Polynomdivision zunächst auf die Form
,
- woran man auch gleich die Gleichung der schrägen Asymptote ablesen kann:
.
- Faktorisieren von Zähler und Nenner führt dann auf
,
- man kann also einen Faktor
kürzen. Schließlich hat man:
;
- in dieser Form kann man die Funktion nun deutlich leichter ableiten als in der ursprünglich gegebenen.
- Mit Hilfe der Quotientenregel ergibt sich:
.
- Setzt man die erste Ableitung gleich Null, um die Extremstellen zu suchen,
so empfiehlt es sich vorher, die beiden Brüche wieder zusammenzufassen:
.
Stammfunktion
Im Gegensatz zu den ganzrationalen Funktionen ist es bei gebrochenrationalen Funktionen oft relativ schwierig, eine Stammfunktion zu finden. Dafür kann man, je nach Form der gebrochenrationalen Funktion, unter anderem folgende Regeln anwenden (meist muss man den Funktionsterm durch Umformungen und/oder Substitution zunächst in eine passende Form bringen):
für
für
oder
für
für
für
Oft kann für die Bestimmung einer Stammfunktion auch die Partialbruchzerlegung hilfreich sein. Beispiele:
- Gesucht sei eine Stammfunktion zu
. Mittels einer Polynomdivision kann man das zunächst umschreiben zu:
.
- Anwenden der ersten Regel liefert dann als mögliche Stammfunktion:
.
- Gesucht sei eine Stammfunktion zu
, wobei
zwischen -0,5 und 0,5 liegen soll. Wieder kann man den Funktionsterm zunächst mittels einer Polynomdivision umschreiben:
.
- Anwenden der vierten Regel liefert dann als mögliche Stammfunktion:
.
- Gesucht sei eine Stammfunktion zu
. Das kann auch geschrieben werden als
mit
.
- Anwenden der letzten Regel liefert dann als mögliche Stammfunktion:
.
- Eine Stammfunktion zu
kann man mit Hilfe der Substitution
bestimmen, nachdem man den Nenner mittels quadratischer Ergänzung umgeformt hat:
- Eine Stammfunktion zu
kann man mit Hilfe der Partialbruchzerlegung erhalten, nachdem man den Nenner zunächst faktorisiert hat:
Anwendungen
Rationale Funktionen haben vielfältige Anwendungen in Naturwissenschaften und Technik:
- Viele Größen sind umgekehrt proportional zueinander, eine der Größen ist
also eine rationale Funktion der anderen, wobei der Zähler konstant und der
Nenner eine (homogene) lineare
Funktion ist. Einige wenige Beispiele:
- Die Geschwindigkeit v und die für eine feste Strecke s
benötigte Zeit t sind umgekehrt proportional zueinander:
- Die Konzentration
c eines Stoffes ist bei fester Stoffmenge
n umgekehrt proportional zum Volumen V des Lösungsmittels:
- Beschleunigung
und Masse
sind bei fester Kraft F umgekehrt proportional
zueinander:
.
- Für die Kapazität
C eines Plattenkondensators
gilt in Abhängigkeit vom Plattenabstand d:
mit dem Flächeninhalt A der Platten, der elektrischen Feldkonstante
und der Permittivität
.
- Die Geschwindigkeit v und die für eine feste Strecke s
benötigte Zeit t sind umgekehrt proportional zueinander:
- In vielen Bereichen der Physik kommen Funktionen von zwei Variablen
x und y der folgenden Form vor:
. Ist eine der beiden Variablen, z.B. y, konstant oder wählt man sie als Parameter, so ergibt sich eine rationale Funktion (bzw. Funktionenschar) von x. Solche Funktionen treten immer dann auf, wenn sich der gesamte Kehrwert irgendeiner Größe als Summe oder Differenz der Kehrwerte zweier anderer Funktionen ergibt.
- Mittels der Linsengleichung
der Optik
kann man die Brennweite
f als Funktion von Gegenstandsweite g
und Bildweite b
darstellen:
; umstellen nach g oder b liefern eine sehr ähnliche Funktion, allerdings mit - statt mit +.
- Für den Gesamtwiderstand
R einer Parallelschaltung
zweier Widerstände
und
ergibt sich:
; eine analoge Formel gilt bei der Reihenschaltung zweier Kondensatoren.
- In der Mechanik ergibt sich, wenn
man zwei Federn
mit Federkonstanten
und
aneinander hängt, für die gesamte Federkonstante D der Anordnung:
- Mittels der Linsengleichung
der Optik
kann man die Brennweite
f als Funktion von Gegenstandsweite g
und Bildweite b
darstellen:
- Bei einem Spannungsteiler
ist die gesamte an einem Widerstand R abfallende Spannung U
gegeben durch:
, wobei
die zu teilende Spannung und
der andere Widerstand ist.
- Für die elektrische
Leistung P, die ein Gerät mit Widerstand R erbringt, das an
einer Spannungsquelle (Spannung U) mit Innenwiderstand
angeschlossen ist, ergibt sich:
. Die größtmögliche Leistung (zu bestimmen mit Hilfe der Differenzialrechnung) erhält man also dann, wenn
ist (Leistungsanpassung).
- Für die Induktivität
L einer (nicht zu kurzen) Spule
in Abhängigkeit von ihrem Radius r gilt:
. Dabei ist l die Länge der Spule (man kann L also auch als rationale Funktion von l auffassen), N die Windungszahl und
die magnetische Feldkonstante.
- Die Bremskraft B einer Wirbelstrombremse
hängt folgendermaßen von der Geschwindigkeit v ab:
mit Konstanten a und b.
- Auch geometrische Fragestellungen führen oft auf rationale Funktionen.
Beispiel: Bei einer Truhe, die aus einem Quader
(Grundseitenlängen l und 2r, Höhe r) mit aufgesetztem
Halb-Zylinder
(Höhe l, Radius r) besteht, gilt für den Oberflächeninhalt
O in Abhängigkeit von r bei gegebenem Volumen V:
Abweichende Bedeutung in der abstrakten Algebra
In der abstrakten
Algebra wird der Begriff einer rationalen Funktion in einem
allgemeineren und etwas unterschiedlichen Sinne verwendet. Und zwar versteht man
unter einer rationalen Funktion in
Variablen
über einem Körper
ein Element des Quotientenkörpers
des Polynomrings
.
Dieser Quotientenkörper wird Rationaler
Funktionenkörper genannt. Im Allgemeinen ist eine rationale Funktion also
keine Funktion irgendeiner Art, sondern ein (formaler) Bruch aus zwei Polynomen.
Der Unterschied macht sich allerdings nur über endlichen
Körpern bemerkbar: So ist z. B. für jede Primzahl
über dem endlichen Körper
(dem Körper aller Restklassen ganzer Zahlen modulo
)
der Bruch
eine wohldefinierte rationale Funktion in der Variablen
,
aber keine Funktion im eigentlichen Sinne des Begriffes, weil man in diese
Funktion keinen einzigen Wert einsetzen darf, ohne dass der Nenner 0 wird. (Denn
setzt man irgendein
in diese „Funktion“ ein, erhält man
,
was undefiniert ist, weil der Nenner
nach dem kleinen
Fermatschen Satz gleich 0 ist.) Über unendlichen Körpern allerdings ist eine
rationale Funktion immer eine Funktion, die zwar eine Definitionslücke haben
kann, aber diese Definitionslücke ist nur sehr klein im Vergleich zum
Definitionsbereich. Dieser Gedanke wird mit dem Begriff der Zariski-Topologie
formalisiert: Die Definitionslücke ist eine Zariski-abgeschlossene Menge, und
die abgeschlossene
Hülle des Definitionsbereiches ist die ganze Menge.
Der Körper der rationalen Funktionen auf einer algebraischen Varietät
Sei
eine algebraische
Varietät definiert durch Polynome
,
also
Sei
Der Ring der ganzen Funktionen ist .
Der Körper der rationalen Funktionen ist der Quotientenkörper
des Ringes der ganzen Funktionen.
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 02.09. 2023