Vorzeichenwechsel
Ein Vorzeichenwechsel ist in der Mathematik ein Wechsel des Vorzeichens der Funktionswerte einer reellen Funktion an einer Stelle oder innerhalb eines Intervalls. Weist eine stetige reelle Funktion in einem Intervall einen Vorzeichenwechsel auf, so besitzt sie nach dem Nullstellensatz dort mindestens eine Nullstelle. Eine differenzierbare reelle Funktion besitzt an einer Stelle ein Extremum, wenn ihre Ableitung dort gleich null ist und ihr Vorzeichen wechselt. Entsprechend besitzt eine zweimal differenzierbare reelle Funktion an einer Stelle einen Wendepunkt, wenn ihre Krümmung dort gleich null ist und ihr Vorzeichen wechselt. Vorzeichenwechsel in reellen Zahlenfolgen spielen eine wichtige Rolle bei der Analyse der Nullstellen von Polynomen.
Vorzeichenwechsel an einer Stelle
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Definition
Eine reelle Funktion
weist an der Stelle
einen Vorzeichenwechsel auf, wenn die Funktionswerte von
dort ihr Vorzeichen ändern. Es werden die folgenden zwei Fälle
unterschieden:
- Vorzeichenwechsel von plus nach minus: es existiert ein
, sodass
für alle
und
für alle
gilt
- Vorzeichenwechsel von minus nach plus: es existiert ein
, sodass
für alle
und
für alle
gilt
Ist die Funktion
stetig, dann durchdringt der Funktionsgraph
von
an der Stelle
die x-Achse.
Kein Vorzeichenwechsel liegt vor, wenn der Graph der Funktion die x-Achse an der
Stelle
lediglich berührt. Besitzt die Funktion
an der Stelle
eine senkrechte Asymptote,
so spricht man von einer Polstelle
mit Vorzeichenwechsel.
Bestimmung von Extrema
In der Kurvendiskussion
liefert das sogenannte Vorzeichenwechselkriterium eine hinreichende Bedingung für
das Vorhandensein eines Extremums
an einer Stelle. Eine differenzierbare
reelle Funktion
besitzt an der Stelle
ein Extremum, wenn
ist und
an der Stelle
das Vorzeichen wechselt. Die Funktion
besitzt dann an
- ein lokales
Maximum, wenn
das Vorzeichen von plus nach minus wechselt
- ein lokales
Minimum, wenn
das Vorzeichen von minus nach plus wechselt
Im ersten Fall ist die Funktion
für
streng
monoton steigend und für
streng monoton fallend, im zweiten Fall umgekehrt.
Bestimmung von Wendepunkten
Analog kann das Vorzeichenwechselkriterium auch zur Bestimmung von Wendepunkten eingesetzt
werden. Eine zweimal differenzierbare reelle Funktion
besitzt an der Stelle
einen Wendepunkt, wenn
ist und
an der Stelle
das Vorzeichen wechselt. Das Krümmungsverhalten der Funktion
ändert sich dann an
- von konvex
nach konkav, wenn
das Vorzeichen von plus nach minus wechselt
- von konkav nach konvex, wenn
das Vorzeichen von minus nach plus wechselt
Im ersten Fall ist die Ableitung
für
streng monoton steigend und für
streng monoton fallend, im zweiten Fall umgekehrt.
Vorzeichenwechsel in einem Intervall
Definition
Eine reelle Funktion
weist in dem Intervall
einen Vorzeichenwechsel auf, wenn es zwei verschiedene Stellen
gibt, für die
gilt. Gilt sogar
,
so spricht man von einem echten Vorzeichenwechsel. Die Ungleichungsbedingung
besagt, dass die Funktion
an den beiden Stellen
und
ein unterschiedliches Vorzeichen hat (oder gleich null ist).
Nullstellensatz
Weist eine stetige reelle Funktion
in dem Intervall
einen Vorzeichenwechsel auf, so besitzt diese Funktion in diesem Intervall
mindestens eine Nullstelle,
das heißt eine Lösung
der Gleichung
.
Nach der Definition eines Vorzeichenwechsels existieren nämlich in dem
Intervall Stellen
mit
.
Nun lässt sich eine Intervallschachtelung
mit
und
konstruieren, sodass für alle
gilt. Hierzu wird das Intervall
sukzessive halbiert und jeweils dasjenige Teilintervall ausgewählt, für das die
Ungleichungsbedingung erhalten bleibt. Die gesuchte Nullstelle ergibt sich dann
als
.
Eine Verallgemeinerung dieser als Nullstellensatz oder Nullstellensatz von Bolzano (nach Bernard Bolzano) bekannten Aussage ist der Zwischenwertsatz.
Verwendung
In der numerischen Mathematik werden endliche Intervallschachtelungen zur numerischen Approximation von Nullstellen verwendet. Im Bisektionsverfahren und im Regula-falsi-Verfahren werden Varianten solcher Intervallschachtelungen eingesetzt, um eine Nullstelle einer gegebenen stetigen Funktion, bei der zwei Stellen mit unterschiedlichen Vorzeichen bekannt sind, näherungsweise zu bestimmen. In der Optimierung kommen solche Intervallschachtelungsverfahren bei der Bestimmung der Minima oder Maxima einer gegebenen stetig differenzierbaren Funktion zum Einsatz, indem die Nullstellen der ersten Ableitung der Funktion näherungsweise ermittelt werden.
Vorzeichenwechsel in einer Folge
Definition
Ist
eine Folge
reeller Zahlen, die alle ungleich null sind, dann ist ein Vorzeichenwechsel
dieser Folge ein Indexpaar
,
für das
gilt. Die Vorzeichenwechsel einer beliebigen Folge reeller Zahlen werden dann als die Vorzeichenwechsel der Teilfolge der von null verschiedenen Elemente dieser Folge definiert. Beispielsweise besitzt die Folge
genau drei Vorzeichenwechsel.
Verwendung
Die Vorzeichenwechsel der Koeffizentenfolge eines reellen Polynoms geben Hinweise auf die Anzahl und die Verteilung der Nullstellen der zugehörigen Polynomfunktion. Nach der Vorzeichenregel von Descartes ist die Anzahl der positiven Nullstellen eines reellen Polynoms gleich oder um eine gerade natürliche Zahl kleiner als die Zahl der Vorzeichenwechsel seiner Koeffizientenfolge. Hierbei wird jede Nullstelle entsprechend ihrer Vielfachheit gezählt.
Ein weiteres Hilfsmittel bei der Analyse der Nullstellen reeller Polynome
bieten sturmsche
Ketten. Ist
ein Polynom ohne mehrfache Nullstellen und
die Anzahl der Vorzeichenwechsel der (endlichen) Folge der Funktionswerte der
sturmschen Kette von
an der Stelle
,
dann ist nach der Regel von Sturm die Anzahl der Nullstellen von
in dem halboffenen Intervall
gerade gleich
.
Siehe auch
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 03.01. 2020