Satz von Picard
Die Sätze von Picard (nach Émile Picard) sind Sätze der Funktionentheorie, eines Teilgebietes der Mathematik.
Sie lauten wie folgt:
- Der Kleine Satz von Picard besagt, dass das Bild jeder nicht-konstanten ganzen Funktion die gesamte komplexe Zahlenebene ist, aus der höchstens ein Punkt herausgenommen wurde.
- Der Große Satz von Picard besagt, dass eine holomorphe Funktion mit einer wesentlichen Singularität in jeder noch so kleinen Umgebung dieser Singularität jeden komplexen Wert mit höchstens einer Ausnahme unendlich oft annimmt.
Bemerkungen
- In beiden Sätzen ist die eventuelle „Ausnahme eines Punktes“ offenbar
nötig. Zum Beispiel bildet
nicht auf
ab, ebenso ist
nicht im Bild von
einer jeden punktierten Umgebung von
enthalten.
- Der Kleine Satz folgt sofort aus dem Großen Satz, denn eine ganze Funktion
ist entweder ein Polynom oder sie hat eine wesentliche Singularität in
.
- Der Große Satz verallgemeinert den Satz von Weierstraß-Casorati.
- Eine Vermutung von B. Elsner
ist mit dem Großen Satz von Picard verwandt: Seien
offene zusammenhängende Teilmengen von
, deren Vereinigung die punktierte offene Einheitskreisscheibe
ist. Auf jedem
sei eine schlichte (d.h. injektive holomorphe) Funktion
gegeben, so dass
auf jeder Schnittmenge
. Dann verschmelzen die Differentiale zu einer meromorphen 1-Form auf der Einheitskreisscheibe
. (Im Fall, dass das Residuum verschwindet, folgt die Vermutung aus dem Großen Satz.)
Beweis
Mit Hilfe der Theorie der j-Funktion
kann ein kurzer Beweis des kleinen Satzes von Picard gegeben werden. Unter der
Annahme,
sei ganz und lasse die Werte
aus, ist die Funktion
ganz und lässt die Werte 0 und 1 aus. Die j-Funktion bildet nun die mit
Spitzen vereinigte obere Halbebene
auf eine Riemannsche
Fläche mit unendlich vielen Blättern und Verzweigungspunkten an den
Bildpunkten
und
ab. Es folgt, dass ihre Inverse
diese Riemannsche Fläche (ohne Einschränkung) auf den Abschluss des
Standardfundamentalbereichs
abbildet. Da
für alle
und
und
,
bzw.
,
ist
lokal analytisch für alle komplexen Werte außer 0 und 1. Daraus folgt, dass die
Komposition
in jeden Punkt lokal analytisch ist, da
gerade 0 und 1 auslässt. Damit lässt sich
zu einer ganzen Funktion ausdehnen, für welche allerdings
für alle
gelten muss, da
.
Daraus folgt mit dem Satz
von Liouville, dass
und folglich auch
konstant ist.
Literatur
- Heinrich Behnke, Friedrich Sommer: Theorie der analytischen Funktionen einer komplexen Veränderlichen. 3. Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1965.
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 01.09. 2021