Kesselformel
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Die Kesselformel ist eine Berechnungsformel aus der Technischen Mechanik. Sie hat eine elementare Bedeutung bei der Berechnung und Auslegung von Dampfkesseln, Druckbehältern und Rohrleitungen. Für Rohrleitungen findet sich die Formel in der DIN EN 13480, Teil 3.
Anwendung
Die Kesselformel gibt die mechanischen Spannungen in durch Innendruck belasteten rotationssymmetrischen Körpern an, wie sie beispielsweise in Rohren oder Druckbehältern anzutreffen sind. Sie beruht als Membranspannung auf einem Kräftegleichgewicht, daher sind zur Berechnung der Spannungen weder Verformungsannahmen noch Elastizitätsgrößen notwendig.
Die Kesselformel gilt nur für dünnwandige und gekrümmte Druckbehälter. Für Kessel, die aus ebenen Blechen bzw. Platten hergestellt sind, sowie für dickwandige zylindrische Behälter, gilt die Kesselformel nicht bzw. nur als (grobe) Näherungslösung.
Ein Druckbehälter kann als dünnwandig betrachtet werden, wenn seine
Wanddicke
klein im Vergleich zum Außendurchmesser
ist (z.B.
≥ 12 bzw. Außendurchmesser / Innendurchmesser =
≤ 1,2). Die größte Spannung ist bei zylindrischen Körpern die Tangentialspannung
,
weshalb zu schwach ausgelegte Rohre und ähnlich geformte Behälter tendenziell in
Längsrichtung platzen bzw. bersten.
Formulierung
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Die Umfangsspannung (Tangentialspannung) und die Längsspannung (Axialspannung) in einem durch Innendruck belasteten dünnwandigen Zylinder, der an den Enden abgeschlossen ist, sind:
,
,
mit …Innendruck,
…Wanddicke,
…Mittel-Durchmesser.
Letzterer berechnet sich gemäß
.
In dieser Form ist die Kesselformel auch als „Bockwurst-Formel“ bekannt. Die Bezeichnung dient als Eselsbrücke, um sich zu merken, welche der beiden Spannungen die größere ist. Die Umfangsspannung ist doppelt so groß wie die Spannung in Längsrichtung, daher platzen Würste bei übermäßiger Erwärmung stets in Längsrichtung.
Zusätzlich zu den oben genannten Komponenten wirkt außerdem eine Spannung in
radialer Richtung: .
Diese ist an der Behälterinnenseite
und an der Außenseite (unbelastete Oberfläche)
.
Herleitung
Die Gleichungen ergeben sich aus der Betrachtung der Kräftegleichgewichte im dünnwandigen Zylindermantel/-membran (Längsschnitt bzw. Querschnitt). Es sind
…die Wanddickenfläche im symmetrischen Zylindermantel-Längsschnitt (gemäß der Grafiken oben,
…Segmentlänge),
…die projizierte Mantel-Innenfläche (Annahme:
),
…die Wanddickenfläche im Zylindermantel-Querschnitt (äquivalent zu
) sowie
…die projizierte Innenfläche der geschlossenen Enden (Zylindergrundfläche,
).
Mit der Definition der mechanischen
Spannung und des physikalischen
Drucks
bzw.
und
folgt
Mindestwanddicke
Die von der zulässigen
Mantelspannung
abhängige Mindestwanddicke errechnet sich inklusive Wanddickenzuschlägen mittels
folgender Formel:
,
wobei
den Zuschlag
für Korrosion und
den Zuschlag für Toleranzfehler
bezeichnet.
Bei kugeligen Behältern gibt es keine tangentialen Spannungen; die axialen Spannungen entsprechen denen des Zylinders. Deshalb halbiert sich die minimale Wanddicke:
.
Die Kesselformel(n) als Näherungslösung
Der Spannungszustand im Mantel geschlossener, druckbelasteter, langer Hohlzylinder
kann allgemein über die Laméschen
Formeln berechnet werden. Für die Tangentialspannung an der Position der halben
Wandstärke
gilt bei einem Außendruck von null Pascal
(näherungsweise auch bei Außendruck
Innendruck)
.
Mit den Annahmen für dünnwandige Zylinder
und
sowie den Beziehungen
und
ergibt sich unter Anwendung der dritten binomischen
Formel
.
Im Zuge dieser Näherungslösung
resultieren abhängig vom Durchmesserverhältnis
die in der zweiten Spalte der folgenden Tabelle angegebenen Abweichungen.
1,01 | 1,005 | 1,000 | 1,010 |
1,05 | 1,025 | 0,999 | 1,051 |
1,10 | 1,051 | 0,998 | 1,103 |
1,15 | 1,078 | 0,995 | 1,156 |
1,20 | 1,105 | 0,992 | 1,210 |
1,50 | 1,281 | 0,962 | 1,563 |
Für den praktischen Anwendungsfall eines auf Innendruck belasteten Rohres oder Druckbehälters ist es jedoch relevanter, die Abweichungen zum Wert der Tangentialspannung am Innendurchmesser des Zylindermantels
zu betrachten. Diese sind in Spalte 3 der obigen Tabelle aufgeführt. Es wird
deutlich, dass, obwohl in der Kesselformel der Mittel-Durchmesser
verwendet wird, der hiermit berechnete Tangentialspannungswert besser mit dem am
Innendurchmesser des Zylinders übereinstimmt.
Für die Axialspannung im Zylindermantel gilt analog
,
wobei im Vergleich zur Tangentialspannung größere Abweichungen infolge der
Vereinfachung auftreten (Spalte 4). Dies geschieht jedoch im Sinne einer konservativen
Annahme. Wird in der Kesselformel zur Berechnung der Axialspannung statt des
Mittel-Durchmessers
der Innendurchmesser
verwendet, so halbieren sich die Abweichungen etwa.
Literatur
- Daniel Vischer, Andreas Huber: Wasserbau: Hydrologische Grundlagen, Elemente des Wasserbaus, Nutz- und Schutzbauten an Binnengewässern. 6. Auflage. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2002, ISBN 978-3-540-43713-0.
- Hans Jürgen Matthies, Karl Theodor Renius: Einführung in die Ölhydraulik. 5. bearbeitete Auflage. B.G. Teubner Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-8351-0051-0.
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 12.01. 2023