Ordinalzahl
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Ordinalzahlen sind mathematische Objekte, die das Konzept der Position oder des Index eines Elementes in einer Folge auf Wohlordnungen über beliebigen Mengen verallgemeinern. Positionen in Folgen werden als natürliche Zahlen aufgefasst (sprachlich durch die Ordinalia erstes, zweites, drittes, … Element ausgedrückt), welche die endlichen Ordinalzahlen bilden. Entscheidend bei dieser Verallgemeinerung ist, dass wie bei Folgen eine kleinste Position (die Ordinalzahl Null) existiert und jedes Element (mit Ausnahme eines eventuell vorhandenen letzten Elements) einen eindeutigen Nachfolger hat. Da totale Anordnungen, die diese Bedingungen erfüllen, immer noch sehr verschiedene Strukturen haben können, führt man als zusätzliche Bedingung ein, dass es zu jeder nichtleeren Teilmenge von Indizes einen minimalen Index geben soll, und gelangt so zu Wohlordnungen.
Ordinalzahlen erlauben die Verallgemeinerung der auf Folgen beschränkten Beweisverfahren der vollständigen Induktion auf beliebig große Mengen oder auch echte Klassen, sofern sie sich wohlordnen lassen, mittels des Verfahrens der transfiniten Induktion.
Die Beschreibung der Größe einer Menge, naiv gesprochen der Anzahl ihrer Elemente, führt im Gegensatz dazu zu dem Begriff Kardinalzahl (eins, zwei, drei, …).
Georg Cantor hatte die
Idee, wie man die beiden Konzepte – Zahl als Größe und Zahl als Index –
innerhalb der Mengenlehre
auf unendliche Mengen
verallgemeinern kann; denn während sie für endliche Mengen übereinstimmen, muss
man sie für unendliche Mengen unterscheiden. Kardinalzahlen werden dabei als
spezielle Ordinalzahlen definiert. Die Gesamtheit der Ordinalzahlen, die man
meistens mit
oder
bezeichnet, bildet in der modernen Mengenlehre – genauso wie die Gesamtheit der
Kardinalzahlen – keine Menge, sondern eine echte Klasse.
Für viele dieser Überlegungen (wie etwa transfinite Induktion und die Definition von Kardinalzahlen als Ordinalzahlen) ist das Auswahlaxiom bzw. der dazu äquivalente Wohlordnungssatz vonnöten.
Ordinalzahlen sind von besonderer Bedeutung für die Mengenlehre, in anderen Gebieten der Mathematik werden auch andere verallgemeinerte Indizierungen verwendet, etwa in Netzen und Filtern, die von besonderer Bedeutung für die Topologie sind und über anderen Ordnungen als Wohlordnungen operieren, insbesondere verallgemeinern diese im Gegensatz zu Ordinalzahlen das für Folgen wichtige Konzept der Konvergenz.
Geschichte der Entdeckung
Der moderne mathematische Begriff der Ordinalzahlen wurde maßgeblich von dem Mathematiker Georg Cantor entwickelt. Die grundlegende Idee fand er bei Untersuchungen über die Eindeutigkeit der Darstellung reeller Funktionen durch trigonometrische Reihen. Allerdings erwies sich die Ordinalzahltheorie für diese Untersuchungen letztlich nicht als fruchtbar.
Aus Vorarbeiten von Eduard Heine war bekannt, dass die im Intervall
stetigen Funktionen eine eindeutige Darstellung als trigonometrische Reihen
haben. Cantor zeigte (1870), dass dies für jede Funktion richtig ist, deren
trigonometrische Reihe überall
konvergiert.
Die Frage nach der Existenz von weiteren Funktionenklassen, die diese
Eigenschaft besitzen, ist damit aber noch nicht beantwortet. Schon der Satz von
Heine ist für Funktionen richtig, die fast überall stetig sind, also solche mit
einer endlichen Menge
von Unstetigkeitsstellen. Die Frage nach der Eindeutigkeit ist äquivalent zu der
Frage, ob das Verschwinden der trigonometrischen Reihe
auf der Menge
auch das Verschwinden der Koeffizienten
und
nach sich zieht. Mengen
mit dieser Eigenschaft werden Mengen vom Typ U genannt (aus dem
französischen unicité – Eindeutigkeit) und alle anderen Mengen –
Mengen vom Typ M (multiplicité – Mehrdeutigkeit).
Endliche Mengen sind also Mengen vom Typ U. Indem man
zweimal integriert, erhält man die Riemann-Funktion:
Wenn
linear ist, dann sind alle
und
gleich
.
Wenn man also für eine Menge
beweisen würde, dass aus
die Linearität von
folgt, dann wäre damit auch die Zugehörigkeit von
zum Typ U bewiesen worden. Cantor verwendet diese Idee in seinem Artikel
Über die Ausdehnung eines Satzes aus der Theorie der trigonometrischen
Reihen
vom Jahre 1871 und zeigt:
- „Ist (p,q) irgendein Intervall, in der nur eine endliche Anzahl von Punkten der Menge P liegt, so ist F(x) in diesem Intervalle linear …“ (dort Seite 131)
Falls
unendlich ist, dann hat sie mindestens einen Häufungspunkt.
Cantor nennt die Menge der Häufungspunkte einer Menge
abgeleitete Menge und bezeichnet sie mit
,
die abgeleitete von
bezeichnet er mit
usw. (siehe Hauptartikel: Ableitung
einer Menge). Falls nach endlich vielen Schritten eine endliche Menge
erreicht wird, dann nennt Cantor die Menge
eine Menge
-ter
Art. Cantor stellt fest, dass sich die Linearität von
in dem Intervall
auch dann beweisen lässt, wenn
endlich viele Punkte der Menge
enthält, wobei die Korrektheit dieser Aussage von der Wahl der natürlichen Zahl
nicht abhängig ist. Mengen mit einer leeren mehrfachen Ableitung sind also immer
vom Typ U.
In diesem Artikel gehen die Cantorschen Überlegungen noch nicht über endliche
Iterationsprozesse hinaus; allerdings enthält er schon Denkmuster, die später
die gesamte Mengenlehre prägen werden. Er ordnet der Veranschaulichung der
reellen Zahlen durch geometrische Punkte eine zweitrangige Rolle zu, indem er
die reellen Zahlen als Cauchy-Folgen
aus Elementen der Menge
der rationalen Zahlen definiert. Die Menge dieser Folgen bezeichnet er mit
und definiert dort die für
üblichen Rechenarten. Cauchy-Folgen aus Elementen der Menge
bilden eine weitere Menge
.
Dieser Prozess lässt sich theoretisch ins Unendliche fortsetzen. Cantor versteht
von nun an unter Punkt ein Element irgendwelcher Mengen
,
,
, …
Der Aufbau solcher geordneter Hierarchien, bei denen der Übergang von einer
Stufe zur nächsten durch Grenzübergänge erfolgt, ist später zu einem häufig
eingesetzten Mittel zur Einführung neuer mengentheoretischer Begriffe geworden.
Wir werden sehen, dass eine solche Hierarchie auch bei den Ordnungszahlen zu
erkennen ist.
Nach dieser Arbeit über trigonometrische Reihen hat sich das Interesse
Cantors für das Problem einer gleichzeitig notwendigen und hinreichenden
Bedingung für die Eindeutigkeit der Entwicklung von Funktionen in
trigonometrischen Reihen abgeschwächt. Die Frage ist später sehr intensiv von
Paul Du Bois-Reymond, Charles-Jean de La Vallée Poussin, William Henry Young,
Arnaud Denjoy, Nina Bari, Raichmann und Dmitri Jewgenjewitsch Menschow untersucht worden, allerdings ohne dabei zu einem
zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen.
Cantor selbst hat sich der Aufgabe gewidmet, die Punktmengen danach zu
klassifizieren, wann der Prozess des Ableitens endet. Mengen, bei denen das nach
endlich vielen Schritten passiert, nennt Cantor Mengen der ersten
Gattung. Eine Menge
ist genau dann eine Menge der ersten Gattung, wenn der Durchschnitt
leer ist. Ein natürlicher Gedanke dabei ist, genau diese Menge zu der ersten
Ableitung transfiniter Ordnung für Mengen zweiter Gattung zu machen. Cantor
bezeichnet sie mit .
Darauf folgen die Ableitungen
Cantor schreibt in seinem Artikel Über unendliche, lineare Punktmannichfaltigkeiten von 1880:
- „Durch consequentes Fortschreiten gewinnt man successive die weiteren Begriffe:
- usw.; wir sehen hier eine dialektische Begriffserzeugung, welche immer weiter führt und dabei frei von jeglicher Willkür in sich nothwendig und consequent bleibt.“
In diesem nicht mal fünf Seiten langen Artikel ist der ganze Weg vorgezeichnet, wie man aus den natürlichen Zahlen ein vollständiges transfinites System von Ordnungszahlen entwickeln kann. 1883 definierte Cantor diese Zahlenreihe mit zwei Erzeugungsprinzipien, der „Hinzufügung einer Einheit zu einer vorhandenen schon gebildeten Zahl“ und der Bildung einer nächstgrößeren Zahl als Grenze, welcher die vorher definierten Zahlen zustreben, und zwar in der Aufsatzreihe Über unendliche, lineare Punktmannichfaltigkeiten. Von Ordinalzahlen sprach er dann ab 1895 und definierte sie in seinen beiden Artikeln Beiträge zur Begründung der transfiniten Mengenlehre von 1895/97 als Ordnungstypen wohlgeordneter Mengen.
Die natürlichen Zahlen als geordnete Mengen
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Die Ordinalzahlen sind in der modernen Mathematik ein Begriff der Mengenlehre. Um sie als Verallgemeinerung der natürlichen Zahlen zu definieren, ist es naheliegend, die natürlichen Zahlen in eine mengentheoretische Hierarchie einzubetten.[1] Dabei erklärt man die leere Menge für die Null der natürlichen Zahlenfolge. Die leere Menge ist also die im Peano-Axiomensystem der natürlichen Zahlen speziell ausgezeichnete und nicht explizit definierte Zahl ohne Vorgänger. Nach einem Vorschlag von John von Neumann definiert man dann jede weitere Zahl als die Menge der Zahlen, die schon definiert sind:
- …
- …
Die Mengen ,
,
usw. sind durch die Elementrelation
(
)
wohlgeordnet. Zum Beispiel
hat die Menge
die Elemente
,
,
,
,
die durch
geordnet werden. Man schreibt deshalb auch
.
Eine natürliche Zahl
ist also kleiner als eine Zahl
,
wenn
ein Element von
ist. Für die gesamte Menge der natürlichen Zahlen setzt man:
.
Die Menge
stellt ein Modell
des Peano-Axiomensystems dar. Ihre Existenz wird in der Zermelo-Fraenkelschen
Mengenlehre durch das Unendlichkeitsaxiom
gesichert.
Motivation und Definition
Die Theorie der Ordinalzahlen ist eine Abstraktionstheorie,
bei der von der wahren Natur der Mengenelemente abgesehen wird und nur solche
Eigenschaften untersucht werden, die aus ihrer Anordnung abgeleitet werden
können. Man definiert dazu: Eine Bijektion
von der total
geordneten Menge
auf die total geordnete Menge
heißt Ordnungsisomorphismus
(oder ähnliche Abbildung), wenn
und
für alle
äquivalent sind. Man sagt: die Mengen
und
sind ordnungsisomorph (oder ähnlich) und schreibt
,
wenn es zwischen
und
einen Ordnungsisomorphismus gibt. Eine Gesamtheit aller zueinander
ordnungsisomorphen Mengen stellt eine Äquivalenzklasse
dar, die Ordnungstypus genannt wird.
Man kann zeigen, dass jede endliche wohlgeordnete Menge ordnungsisomorph zu genau einer natürlichen Zahl ist. Außerdem sind für eine wohlgeordnete Menge die folgenden drei Aussagen äquivalent:
- Sie ist endlich.
- Die umgekehrte Ordnung ist eine Wohlordnung.
- Jede nichtleere Teilmenge hat ein größtes Element.
Dies liefert die Grundlage für die Verallgemeinerung der natürlichen Zahlen zu Ordinalzahlen, die als spezielle wohlgeordnete Mengen so gewählt werden, dass jede wohlgeordnete Menge ordnungsisomorph zu genau einer Ordinalzahl ist. Somit ist jede Ordinalzahl also spezieller Repräsentant eines bestimmten Ordnungstypus. Die folgende Definition verbessert Cantors Ansatz und wurde zuerst von John von Neumann angegeben:
Definition I. (setzt das Fundierungsaxiom
voraus): Eine Menge
heißt Ordinalzahl, wenn jedes Element
von
auch Teilmenge von
ist und
bezüglich der Mengeninklusion
total geordnet ist.
Eine solche Menge
ist automatisch wohlgeordnet aufgrund des Fundierungsaxioms, welches besagt:
Jede nichtleere Menge
hat ein Element
,
das disjunkt zu
ist. Die natürlichen Zahlen sind nach dieser Definition Ordinalzahlen. Zum
Beispiel ist
ein Element von
und gleichzeitig eine Teilmenge.
ist ebenfalls eine Ordinalzahl, die kleinste transfinite Ordinalzahl (größer als
jede natürliche Zahl). Die Neumannsche Definition hat gegenüber der ersten
Definition den Vorteil, dass sie aus der Sicht der Grundlagenforschung ein
innerhalb der axiomatischen
Mengenlehre einwandfrei definiertes mengentheoretisches Objekt bestimmt.
Jede wohlgeordnete Menge
ist ordnungsisomorph zu genau einer Ordinalzahl, die man meistens mit
oder
bezeichnet.
Bemerkungen und andere Definitionen
Das Verwenden von Äquivalenzklassen aller Mengen bezüglich des Ordnungsisomorphismus gilt aus der Sicht der modernen Mathematik deshalb als problematisch, weil diese unfassbar große Objekte darstellen, die im Gegensatz zu den von-Neumannschen Ordinalzahlen genetisch und nicht substantiell definiert sind. Ihre Existenz wird in der naiven Mengenlehre ohne explizite Begründung angenommen und kann innerhalb von ZFC ohne Verwendung von Ordinalzahlen nicht begründet werden.[2]
In jeder Mengenlehre bezeichnet man als Ordinalzahlen solche Objekte, die das
Ordinalzahlaxiom erfüllen:
Jeder wohlgeordneten Menge (oder gegebenenfalls anderer wohlgeordneten Struktur)
kann eine Ordinalzahl so zugewiesen werden, dass beliebige an zwei verschiedenen
Mengen zugewiesene Ordinalzahlen genau dann gleich sind, wenn die beiden Mengen
ordnungsisomorph zueinander sind. In allen axiomatischen Mengenlehren versucht
man, um die Einführung neuer Grundobjekte zu vermeiden, geeignete von der
Theorie vorgegebene Objekte zu finden, die das Ordinalzahlaxiom erfüllen. Eine
Möglichkeit dafür besteht darin, spezielle Mengenhierarchien (wie die der
Von-Neumann-Zahlen) aufzubauen.
Mit welchen Schwierigkeiten der Verzicht auf solche Hierarchien verbunden sein kann, lässt sich am Beispiel der allgemeinen linearen Ordnungen verdeutlichen, für die man keine geeignete Mengenhierarchie kennt (2004). Das Postulieren der Existenz von Ordnungstypen kann in diesem Fall nur durch Rückgriff auf Rang- oder Stufenfunktionen vermieden werden.[3] Nachdem spezielle Objekte, die zur Einführung von Ordinalzahlen geeignet wären, schon benannt worden sind, wird das Ordinalzahlaxiom (falls überhaupt möglich) eliminiert (auf ein Theorem zurückgestuft). Innerhalb von ZFC braucht man dafür das von Adolf Abraham Halevi Fraenkel 1922 dem Zermeloschen Axiomensystem eigens hinzugefügte Ersetzungsaxiom.
Wie groß die mengentheoretische Stärke des Ordinalzahlaxioms ist, deutet die
Tatsache an, dass für den Beweis der Existenz „vieler“ Von-Neumann-Ordinalzahlen
das Unendlichkeits-, das Ersetzungs- und für manche sogar das Auswahlaxiom
herangezogen werden müssen.
Die von Neumannsche Definition der Ordinalzahlen ist die heutzutage am meisten
verwendete. Aber auch in den axiomatischen Mengenlehren sind Definitionen von
Ordinalzahlen zu finden, die auf der Bildung von Äquivalenzklassen beruhen.
Diese Äquivalenzklassen werden aber, um Widersprüche zu vermeiden, nur mit
gewissen Einschränkungen gebildet. So wird z.B. die Menge der abzählbaren
Ordinalzahlen
nach Friedrich Moritz Hartogs
so aufgebaut: Sie ist definiert als Menge von Äquivalenzklassen in der Teilmenge
der wohlgeordneten Elemente von
,
wenn
ist. Dabei sind zwei Teilmengen äquivalent, wenn sie sich ordnungsisomorph
aufeinander abbilden lassen.
ist mit
wohlgeordnete Menge.[4]
Diese Hierarchie lässt sich fortsetzen, indem man
setzt und die Mengen
für
bildet. Die Definition von Hartogs verwendet keine Repräsentantenauswahl und ist
ausreichend für viele Anwendungen der Ordinalzahlen in der Analysis und in der
Topologie. Äquivalenzklassen von ordnungsisomorphen Mengen werden auch in den
Mengenlehren mit stufentheoretischem Aufbau gebildet (Bertrand Russell,
Willard Van Orman Quine,>
Dana Scott,
Dieter Klaua u.a.). In der Allgemeine Mengenlehre(AM)
von Klaua z.B. sind alle
Mengen Elemente von Allmengen.
Die Ordinalzahl der wohlgeordneten Menge
ist dann die Äquivalenzklasse aller zu
ordnungsisomorphen Elemente der kleinsten Allmenge, die zu
ordnungsisomorphe Mengen enthält. In
der Scott-Potter-Mengenlehre,
die ein Beispiel für eine Mengenlehre ohne Ersetzungsaxiom
ist, werden die Von-Neumann-Ordinalzahlen Pseudoordinalzahlen
genannt.[5]
Die Ordinalzahlen in dieser Mengenlehre werden für jede wohlgeordnete
Kollektion
durch
definiert[6]
und die Ordinalzahlen der wohlgeordneten Mengen als kleine Ordinalzahlen
bezeichnet.
ist die Kollektion der kleinen Ordinalzahlen und
– die kleinste große Ordinalzahl. Eine Kollektion aller Ordinalzahlen gibt es in
der Scott-Potter-Mengenlehre nicht. Es wurde bereits erwähnt, dass die
Wohlordnungseigenschaft der Ordinalzahlen in ZF aus dem Fundierungsaxiom
abgeleitet werden kann. Es ist allerdings in der mengentheoretischen Literatur
üblich, Definitionen möglichst unabhängig von den Axiomen zu formulieren.
Im Folgenden werden sieben Alternativdefinitionen der Ordinalzahlen
angegeben, die alle in ZF ohne das Fundierungsaxiom zueinander und in ZF mit dem
Fundierungsaxiom auch zur oben formulierten Definition äquivalent sind.
Vorher zwei Begriffe: Eine Menge
heißt transitiv,
wenn
.
In Worten: In einer transitiven Menge
sind mit jedem Element
der Menge auch alle Elemente von
in
als Elemente enthalten. Aus dieser Definition folgt: Eine Menge
ist genau dann transitiv, wenn
.
Eine Menge
heißt fundiert, wenn es ein
gibt, so dass
und
disjunkt sind.
Definition II von Ernst Zermelo (1915, publiziert 1941)[7]
- Eine Menge
heißt Ordinalzahl, wenn für jedes
die Menge
ein Element von
oder identisch mit
ist und für jede Teilmenge
von
die Vereinigung der Elemente von
ein Element von
oder identisch mit
ist.
Definition III von Ernst Zermelo (1915, publiziert 1930), erste publizierte Ordinalzahldefinition von John von Neumann (1923)
- Eine wohlgeordnete Menge
heißt Ordinalzahl, wenn jedes Element von
identisch ist mit der Menge aller ihr vorausgehenden Elemente, d.h. wenn
.
Definition IV von Kurt Gödel (1937, publiziert 1941)[8]
- Eine transitive Menge
, deren Elemente transitiv sind, heißt Ordinalzahl, wenn jede nicht-leere Teilmenge von
fundiert ist.
Definition V von Raphael M. Robinson (1937)
- Eine transitive Menge
, deren nicht-leere Teilmengen fundiert sind, heißt Ordinalzahl, wenn für jede zwei verschiedene Elemente
und
von
entweder
oder
gilt. (Die letzte Eigenschaft nennt man auch Konnexität).
Definition VI von Paul Bernays (1941)
- Eine transitive Menge
Elemente von
sind.
Definition VII
- Eine irreflexiv
geordnete Menge
heißt Ordinalzahl, wenn sie transitiv und wohlgeordnet ist.
Definition VIII
- Ordinalzahlen heißen die Bilder
der Funktionen
für wohlgeordnete Mengen
.
Die letzte Definition zeigt auch gleich, wie man die Ordinalzahl einer
wohlgeordneten Menge bestimmen kann. Dass die Funktionen
wohldefiniert sind, folgt aus dem Satz über die transfinite
Rekursion und dass ihre Bilder – genannt Epsilonbilder – Mengen sind, aus
dem Ersetzungsaxiom.
Limes- und Nachfolgerzahlen
Die Elemente einer Von-Neumann-Ordinalzahl sind selbst Ordinalzahlen.
Hat man zwei Ordinalzahlen
und
,
dann ist
ein Element von
genau dann, wenn
eine echte Teilmenge von
ist, und es gilt, dass entweder
ein Element von
,
oder
ein Element von
,
oder
ist.
Damit ist durch die Elementbeziehung zwischen den Elementen einer Ordinalzahl
eine irreflexive
Totalordnungsrelation
definiert. Es gilt sogar noch mehr: jede Menge von Ordinalzahlen ist
wohlgeordnet.[9]
Dies verallgemeinert das Wohlordnungsprinzip,
dass jede Menge von natürlichen Zahlen wohlgeordnet ist, und erlaubt die freie
Anwendung der transfiniten
Induktion und der Beweismethode des unendlichen
Abstiegs auf Ordinalzahlen.
Jede Ordinalzahl
hat genau die Ordinalzahlen als Elemente, die kleiner sind als
.
Die mengentheoretische Struktur einer Ordinalzahl ist also vollständig durch
kleinere Ordinalzahlen beschrieben. Jeder Durchschnitt oder Vereinigung von
Ordinalzahlen ist eine Menge von Ordinalzahlen. Weil jede Menge von
Ordinalzahlen wohlgeordnet ist, ist jede transitive Menge von Ordinalzahlen
selbst eine Ordinalzahl (s. Definition VII).
Daraus folgt, dass auch jeder Durchschnitt oder Vereinigung von Ordinalzahlen
eine Ordinalzahl ist.[10]
Die Vereinigung
aller Elemente einer Menge
von Ordinalzahlen wird Supremum von
genannt und mit
bezeichnet. Es ist nicht schwer zu zeigen, dass
für jedes
gilt und dass es zu jedem
ein
mit
gibt. Im Sinne dieser Definition ist das Supremum der leeren Menge die leere
Menge, also die Ordinalzahl
.
Wohlgeordnete Mengen sind zu keiner ihrer Anfangsstrecken
ordnungsisomorph.
Deshalb existiert zwischen zwei Ordinalzahlen nur dann eine ähnliche Abbildung,
wenn sie gleich sind. Die Klasse aller Ordinalzahlen ist keine Menge.
Wäre sie nämlich eine Menge, dann wäre sie eine wohlgeordnete und transitive
Menge – also eine Ordinalzahl ,
für die
gilt. Ordinalzahlen
,
die sich selbst als Element enthalten, existieren allerdings nicht,[11]
weil sie ordnungsisomorph zu einer ihrer Anfangsstrecken
sein müssten (nämlich zu
).
Aus dem Satz, dass
eine echte Klasse ist, folgt, dass für jede Menge von Ordinalzahlen
Ordinalzahlen existieren, die größer sind als jedes Element von
.[12]
Unter den Ordinalzahlen, die größer als jedes Element einer Menge aus
Ordinalzahlen sind, gibt es immer eine kleinste.[13] Man
nennt sie obere Grenze[14]
der Menge
und bezeichnet sie mit
.
Die kleinste Ordinalzahl größer als die Ordinalzahl
heißt Nachfolger
von
und wird mit
,
oft auch mit
bezeichnet. Die Bezeichnung ergibt auch außerhalb der transfiniten
Arithmetik einen Sinn (ohne zu dieser in Widerspruch zu stehen). Falls
ein größtes Element hat, dann wird dieses Vorgänger von
genannt und mit
bezeichnet. Nicht jede Ordinalzahl hat einen Vorgänger, z.B.
.
Man nennt eine Ordinalzahl, die einen Vorgänger hat, Nachfolgerzahl oder Zahl
erster Art. Eine Ordinalzahl
ist genau dann von erster Art, wenn
.
Das ist gleichbedeutend mit
,
woraus wiederum
folgt. Die Ordinalzahlen erster Art und die
nennt man isoliert. Eine positive Ordinalzahl ohne Vorgänger wird Limeszahl oder
Grenzzahl genannt. Eine positive Ordinalzahl
ist genau dann Limeszahl, wenn
.
Als Ordinalzahlen zweiter Art bezeichnet man die Limeszahlen sowie die
.
Jede Ordinalzahl ist somit eine Zahl entweder der ersten oder zweiten Art und
entweder Limeszahl oder isoliert, wobei für positive Zahlen die Begriffe
Limeszahl und Zahl zweiter Art sowie isolierte Zahl und Zahl erster Art
übereinstimmen. Die Zahl
ist die einzige isolierte Zahl zweiter Art.
Der Vorgänger von
ist für jede Ordinalzahl
die Ordinalzahl
selbst. Die Limeszahlen bilden eine echte Klasse, die mit
bezeichnet wird. Falls
eine Ordinalzahl erster Art ist, dann existiert eine endliche aber keine
unendliche Folge:
,
,
,
Angefangen bei
erreicht man nach endlich vielen Abstiegen von einer Ordinalzahl zu ihrem
Vorgänger eine Zahl zweiter Art. Es gilt sogar noch mehr: Falls
eine transfinite Ordinalzahl ist, dann kann man zwar beliebig lange echt
fallende Folgen mit erstem Element
bilden, aber keine unendliche solche.
Unendliche Folgen von Ordinalzahlen enthalten immer unendliche nicht fallende Teilfolgen.
On als rekursiver Datentyp
In der Metamathematik
und ganz speziell in der Beweistheorie
werden die Ordinalzahlen oft rekursiv oder axiomatisch definiert, so wie die
natürlichen Zahlen durch die Peano-Axiome definiert werden können.
Der Zweck solcher Definitionen besteht aber im Unterschied zu der
Ordinalzahldefinitionen der Mengenlehre nicht darin, eine echte Klasse von
Ordinalzahlen zu bestimmen, sondern möglichst lange Anfangsstrecken von
zu finden, die mit aus der Sicht eines metamathematischen
Programms zulässigen Mitteln definiert und untersucht werden können. Während innerhalb der Metamathematik von Schreibfiguren die
Rede ist, verwendet man in der Mengenlehre und der
Rekursionstheorie den von Stephen Cole Kleene eingeführten
Begriff Ordinalzahlnotation.
Für die Metamathematik sind hauptsächlich die aus der Wohlordnung folgenden
sowie einige arithmetische Eigenschaften der Ordinalzahlen von Bedeutung. Wenn
man die Existenz von Nachfolger- und Limeszahlen als Grundeigenschaften
betrachtet, dann lässt sich innerhalb der Theorie der rekursiven Datentypen
(induktiv definierten Klassen) folgende Definition für die Klasse der
Ordinalzahlen
formulieren.
und
seien die Konstruktoren des rekursiven Datentypus Ordinalzahl,
– der Fundierer und
– eine Halbordnungsrelation auf
mit den Eigenschaften:
- für jede Kette
:
- für jede Kette
:
Man kann mittels struktureller
Induktion zeigen, dass
eine wohlgeordnete Klasse ist. In der Terminologie der Theorie der rekursiven
Datentypen stellen die von Neumannschen Ordinalzahlen eine Implementierung des
rekursiven Datentypus Ordinalzahl dar, d.h. ein Modell der obigen Menge
von Axiomen.
Rechenoperationen
Die arithmetischen Operationen mit Ordinalzahlen werden als Verallgemeinerung
der aus der elementaren Arithmetik bekannten Rechenarten eingeführt. Unter der
Summe zweier Ordinalzahlen
und
versteht man die Ordinalzahl einer wohlgeordneten Menge, die aus den Elementen
der beiden Mengen besteht, wenn alle Elemente von
in der Wohlordnung vor den Elementen von
stehen. Dies entspricht genau die Vorstellung, die uns aus den endlichen Zahlen
vertraut ist, dass beim Konkatenieren von zwei endlichen Folgen der Länge
und
eine endliche Folge der Länge
entsteht. Da man bei den transfiniten Ordinalzahlen zwischen isolierten und
Limeszahlen unterscheiden muss, wird bei der Einführung der arithmetischen
Operationen darauf geachtet, dass diese stetige Fortsetzungen der finiten
arithmetischen Operationen sind. Die Stetigkeit der Rechenoperationen bei den
Ordinalzahlen sieht man am deutlichsten in der sogenannten funktionalen
Einführung der transfiniten Arithmetik. Die funktionale Einführung der
Ordinalzahlarithmetik wird mittels transfiniter Rekursion begründet. Nicht alle
aus der finiten Arithmetik bekannten Eigenschaften der Rechenoperationen sind in
das Unendliche übertragbar. So ist die Addition im Allgemeinen nicht kommutativ.
Mit Hilfe der Cantorschen Polynomdarstellung, die eine Art transfinites
Stellenwertsystem ist, lassen sich alternative Rechenoperationen einführen: die
so genannten natürlichen Operationen zwischen Ordinalzahlen, so dass
keine der aus den finiten Arithmetik bekannten Regeln vermisst werden muss.
Topologische Eigenschaften
Jede Ordinalzahl lässt sich aufgrund ihrer totalen Ordnung durch die Ordnungstopologie zu
einem topologischen
Raum machen. In dieser Topologie konvergiert die Folge
gegen
,
und die Folge
konvergiert gegen .
Ordinalzahlen ohne Vorgänger können stets als Grenzwert eines Netzes von kleineren
Ordinalzahlen dargestellt werden, etwa durch das Netz aller kleineren
Ordinalzahlen mit ihrer natürlichen Ordnung. Die Mächtigkeit des kleinsten
solchen Netzes heißt Konfinalität.
Diese kann überabzählbar sein, d.h., im Allgemeinen sind jene
Ordinalzahlen nicht Grenzwert einer Folge
kleinerer Ordinalzahlen, wie z.B. die kleinste überabzählbare Ordinalzahl
.[15]
Die topologischen Räume
und
werden in Lehrbüchern oft als Beispiel einer nicht abzählbaren Topologie
genannt. Zum Beispiel gilt im Raum
,
dass das Element
im Abschluss der Teilmenge
liegt, aber keine Folge in
gegen das Element
konvergiert. Der Raum
erfüllt das erste, aber nicht das zweite Abzählbarkeitsaxiom
und
keines von beiden.
Der Raum
besitzt genau eine (Hausdorff-)Kompaktifizierung,
nämlich
.
Dies bedeutet, dass die größtmögliche, die Stone-Čech-Kompaktifizierung,
hier mit der kleinstmöglichen, der Einpunkt- oder Alexandroff-Kompaktifizierung
übereinstimmt.
Anmerkungen
- ↑ Was auch für die Mathematik insgesamt deshalb von Vorteil ist, weil dadurch zahlreiche weitere mathematische Begriffe eine mengentheoretische Interpretation erhalten.
- ↑ Genauer: nicht ohne Verwendung des sogenannten Zurückschneidens durch Rangbetrachtung von Alfred Tarski, das aber seinerseits das Vorhandensein schon definierter Ordinalzahlen voraussetzt.
- ↑ Für nicht fundierte Mengenuniversen muss eine solche Funktion nicht unbedingt vorhanden sein.
- ↑
Für den Beweis, dass
eine Menge und keine echte Klasse ist, braucht man innerhalb von ZFC das Ersetzungsaxiom (s. Zuckerman, 1974, 5.12)
- ↑ Die Pseudoordinalzahlen sind zwar vor 1923 Zermelo und Mirimanoff bekannt gewesen. Sie haben aber innerhalb von ZFC an Bedeutung gewonnen, erst nachdem von Neumann erkannt hat, dass aus dem Ersetzungsaxiom die Existenz einer Rangfunktion für alle Mengen und einer Ordinalzahlfunktion für alle wohlgeordnete Mengen folgt. Deshalb sind heutzutage die Pseudoordinalzahlen vor allem durch den Begriff von Neumannsche Zahlen bekannt.
- ↑
Hier ist
, wobei
das bezüglich der
-Relation kleinste Element von
ist und
,
,
.
- ↑
Definition aus Zermelos Nachlass 1915 laut: M.
Hallett, Cantorian set theory and limitation of size, Oxford 1984, S. 277f.
Diese Definition publizierte erst Paul Bernays, Zermelos damaliger Assistent
in Zürich: Bernays, A System of Axiomatic Set Theory II, in: Journal of
Symbolic Logic 6 (1941), S. 6 und 10. Zermelo nannte noch die Bedingung
, die sich aus der letzten Bedingung für die leere Teilmenge 0 ergibt.
- ↑ Die Definition geht auf eine Vorlesung Gödels in Wien 1937 zurück laut: Bernays, A System of Axiomatic Set Theory II, in: Journal of Symbolic Logic 6 (1941), S. 10.
- ↑
Eine Wohlordnungsrelation lässt sich auch
zwischen Wohlordnungstypen definieren (zwischen Ordnungszahlen im Sinne von
Cantor also). Eine wohlgeordnete Menge
heißt kleiner (oder kürzer) als eine wohlgeordnete Menge
, wenn
ordnungsisomorph zu einer echten Untermenge von
ist. Es sei die Vereinbarung getroffen, dass im weiteren, wenn nicht ausdrücklich etwas anderes gesagt ist, unter Ordinalzahl eine Ordinalzahl im von Neumannschen Sinne gemeint sein wird und dass die Behauptungen, die aufgestellt werden, Sätze in ZF oder ZFC sind.
- ↑ Man beachte, dass Vereinigung (Durchschnitt) von Elementen einer Menge von transitiven Mengen transitiv ist.
- ↑ Diese Behauptung ist von dem Fundierungsaxiom unabhängig.
- ↑
Gäbe es nämlich solche Zahlen nicht, dann wäre
Untermenge von
(eine echte Menge also).
- ↑
Wenn
eine Ordinalzahl ist, die größer ist als alle Elemente der Menge
, dann ist
keine echte Klasse, sondern eine wohlgeordnete Menge und hat daher ein kleinstes Element.
- ↑ Der englische Begriff dafür ist strict upper bound.
- ↑ Dies lässt sich allerdings ohne das Auswahlaxiom nicht beweisen, siehe Kenneth Kunen: Set Theory, North Holland, Amsterdam 1980, S. 30 und 33
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 07.08. 2022