Bedingte Wahrscheinlichkeit
Bedingte Wahrscheinlichkeit (auch konditionale
Wahrscheinlichkeit) ist die Wahrscheinlichkeit
des Eintretens eines Ereignisses
unter der Bedingung, dass das Eintreten eines anderen Ereignisses
bereits bekannt ist. Sie wird als
geschrieben. Der senkrechte Strich ist als „unter der Bedingung“ zu lesen und
wie folgt zu verstehen: Wenn das Ereignis
eingetreten ist, beschränken sich die Möglichkeiten auf die Ergebnisse in
.
Damit ändert sich auch die Wahrscheinlichkeit; diese neue Wahrscheinlichkeit für
das Ereignis
ist gegeben durch
.
Die bedingte Wahrscheinlichkeit kann also als Neueinschätzung der
Wahrscheinlichkeit von
interpretiert werden, wenn die Information vorliegt, dass das Ereignis
bereits eingetreten ist. Manchmal wird auch die Schreibweise
verwendet, die jedoch auch andere Bedeutungen haben kann.
Für einen verallgemeinerten, abstrakten Begriff von bedingten Wahrscheinlichkeiten siehe bedingter Erwartungswert.
Motivation und Definition
Mitunter möchte man untersuchen, wie stark der statistische Einfluss einer
Größe auf eine andere ist. Beispielsweise möchte man wissen, ob Rauchen ()
krebserregend (
)
ist. Die logische Implikation
würde fordern, dass der Schluss
für alle Instanzen gilt, dass also jeder Raucher an Krebs erkrankt. Ein einziger
Raucher, der keinen Krebs bekommt, würde die Aussage „Rauchen ruft mit logischer
Sicherheit Krebs hervor“ beziehungsweise „Jeder Raucher bekommt Krebs“
falsifizieren. Dennoch, obwohl es Raucher ohne Krebs gibt, besteht ein
statistischer Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen: Die
Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, ist bei Rauchern erhöht. Diese
Wahrscheinlichkeit ist die bedingte Wahrscheinlichkeit
,
dass jemand Krebs bekommt, unter der Bedingung, dass er Raucher ist.
Stochastisch kann nun ebenso die Wahrscheinlichkeit untersucht werden, dass
jemand raucht, unter der Bedingung, dass er Krebs hat. In der
Wahrscheinlichkeitsrechnung ist somit zu beachten, dass der Begriff der
Bedingung nicht an einen kausalen
oder zeitlichen Zusammenhang gebunden ist. Die bedingte Wahrscheinlichkeit gibt
ein Maß dafür an, wie stark der statistische Einfluss von
auf
ist. Sie kann als stochastisches Maß dafür angesehen werden, wie wahrscheinlich
der Schluss
ist. Sie sagt aber, wie alle statistischen Größen, nichts über die etwaige
Kausalität des Zusammenhangs aus.
Mit dieser Motivation kommt man zu folgender Definition:
Wenn
und
beliebige Ereignisse sind und
ist, dann ist die bedingte Wahrscheinlichkeit von
,
vorausgesetzt
(auch die Wahrscheinlichkeit von
unter der Bedingung
),
notiert als
(mit senkrechtem Strich zwischen A und B), definiert durch:
Darin ist
die Wahrscheinlichkeit, dass
und
gemeinsam auftreten.
wird gemeinsame Wahrscheinlichkeit, Verbundwahrscheinlichkeit oder
Schnittwahrscheinlichkeit genannt.
bezeichnet dabei den mengentheoretischen
Schnitt der Ereignisse
und
.
Multiplikationssatz
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Durch Umformen der Definitionsformel entsteht der Multiplikationssatz für zwei Ereignisse:
Verallgemeinert man den obigen Ausdruck des Multiplikationssatzes, der für
zwei Ereignisse gilt, erhält man den allgemeinen Multiplikationssatz. Man
betrachte dazu den Fall mit
Zufallsereignissen
.
Besonders anschaulich ist hier das Rechnen mit einem Entscheidungsbaum, da hier das Diagramm gleichsam „mitrechnet“: Die Daten sind leicht einzusetzen und führen sequenziell an den richtigen Rechengang heran.
Gesetz der totalen Wahrscheinlichkeit
Sind nur bedingte Wahrscheinlichkeiten und die Wahrscheinlichkeiten des
bedingenden Ereignisses bekannt, ergibt sich die totale Wahrscheinlichkeit von
aus
wobei
das Gegenereignis
zu
bezeichnet.
Auch hier gibt es eine Verallgemeinerung. Gegeben seien Ereignisse
mit
für alle
,
die eine Partition
des Wahrscheinlichkeitsraums
bilden, d.h., sie sind paarweise disjunkt
und
.
Dann gilt:
.
Stochastische Unabhängigkeit
Wenn
und
stochastisch
unabhängig sind, gilt:
,
was dann zu Folgendem führt:
bzw.
.
Anders gesagt: Egal, ob das Ereignis B stattgefunden oder nicht stattgefunden hat, ist die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses A stets dieselbe.
Satz von Bayes
Für den Zusammenhang zwischen
und
ergibt sich direkt aus der Definition und dem Multiplikationssatz der Satz von Bayes:
.
Dabei kann
im Nenner mit Hilfe des Gesetzes der totalen Wahrscheinlichkeit berechnet
werden.
Stetige Zufallsvariable
Für zwei Zufallsvariablen
,
mit gemeinsamer
Dichte
ist eine Dichte
von
gegeben durch
.
Falls ,
kann man eine bedingte
Dichte
von
,
gegeben (oder vorausgesetzt) das Ereignis
,
definieren durch
.
Statt
schreibt man auch
,
für die bedingte Dichte. Die letztere Formel soll aber nicht verstanden werden
wie die Dichte einer Zufallsvariable
.
Die (eine) simultane Dichte von
und
erhält man dann aus der Formel
.
Daraus lässt sich eine Form des Gesetzes der totalen Wahrscheinlichkeit herleiten:
Dieser Vorgang wird als Marginalisierung bezeichnet.
Hierbei ist zu beachten, dass standardmäßig Dichten,
die die gleichen Integralwerte liefern, dieselbe Wahrscheinlichkeitsverteilung
repräsentieren. Dichten sind daher nicht eindeutig festgelegt. Eine zulässige
Wahl für ,
,
und
ist jede messbare
Funktion, die im Integral die korrekten Wahrscheinlichkeiten für
,
bzw.
für beliebige
,
ergibt. Die Funktion
muss
erfüllen. Die oben angegebenen Formeln gelten somit nur bei passender Wahl der verschiedenen Dichten.
Beispiele
Je nach dem Grad der Überlappung von zwei Ereignissen
und
,
also der Größe der Schnittmenge
,
kann der Eintritt von Ereignis
die Wahrscheinlichkeit, dass auch Ereignis
eingetreten ist, erhöhen oder verringern, und zwar bis auf 1 (
ist fast
sicher eingetreten) oder bis auf 0 (
ist fast sicher nicht eingetreten).
Beispiele mit Würfeln
Die nachstehenden Beispiele beziehen sich immer auf Würfe mit einem fairen
Standardwürfel. Dabei bezeichnet die Schreibweise
ein Ereignis
,
dass bei einem Wurf eine Eins, eine Zwei oder eine Drei gewürfelt wurde.
Sonderfälle
und
haben keine gemeinsamen Elemente. Wenn
eintritt, kann
daher nicht mehr eintreten und umgekehrt.
- Beispiel:
- Ereignis
Ereignis
Wenn
eintritt (also eine Vier, eine Fünf oder eine Sechs gewürfelt wird), ist
sicher nicht mehr möglich.
.
- Das Ereignis
ist eine Teilmenge des Ereignisses
.
- Beispiel:
- Ereignis
Ereignis
.
- Die Wahrscheinlichkeit von
(hier a priori
) erhöht sich in diesem Fall umgekehrt proportional zur Wahrscheinlichkeit von
(hier
, die Wahrscheinlichkeit erhöht sich hier also um den Faktor 2).
- Zur Berechnung der bedingten Wahrscheinlichkeit von
unter der Bedingung
genügt in diesem Fall also die Kenntnis der absoluten Wahrscheinlichkeiten
und
. Die exakte Größe der Schnittmenge
muss nicht bekannt sein.
- Das Ereignis
ist eine Obermenge des Ereignisses
bzw. das Ereignis
ist eine Teilmenge des Ereignisses
.
- Beispiel:
Wenn
eingetreten ist, muss daher
auch eingetreten sein.
.
Allgemeiner Fall
Allgemeiner benötigt man im Laplace-Experiment
zur Berechnung der bedingten Wahrscheinlichkeit von
unter der Bedingung
die Anzahl der Elemente der Schnittmenge
Das Ereignis ,
mindestens eine Vier (d.h. 4 oder höher) zu werfen, hat a priori die
Wahrscheinlichkeit
.
Wenn nun bekannt ist, dass eine gerade Zahl gewürfelt wurde, dass also das
Ereignis
eingetreten ist, dann ergibt sich die bedingte Wahrscheinlichkeit für
unter der Bedingung
wegen
zu
.
Die bedingte Wahrscheinlichkeit ist in diesem Fall höher als die Ausgangswahrscheinlichkeit.
Wenn eine ungerade Zahl gewürfelt wurde, also das Ereignis
eingetreten ist, ist die bedingte Wahrscheinlichkeit für
unter der Bedingung
wegen
gleich
.
Die bedingte Wahrscheinlichkeit ist in diesem Fall kleiner als die A-priori-Wahrscheinlichkeit.
Das Ereignis
hat a priori die Wahrscheinlichkeit
.
Wenn wir wissen, dass das Ereignis
eingetreten ist, verändert sich die Wahrscheinlichkeit für
wegen
auf
.
Auch in diesem Beispiel wird das Ereignis
durch das Eintreten des Ereignisses
unwahrscheinlicher, d.h., die Wahrscheinlichkeit, dass durch den Wurf das
Ereignis
eingetreten ist, ist gegenüber der A-priori-Wahrscheinlichkeit kleiner geworden,
weil durch den Wurf das Ereignis
jedenfalls eingetreten ist.
Wurfmaschine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
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Ein anschauliches Beispiel erlaubt es, bedingte Wahrscheinlichkeiten anhand
von Mengendiagrammen
unmittelbar zu verstehen. Betrachtet wird eine Wurfmaschine, die in zufälliger
Weise irgendwelche Objekte (z.B. Bälle, Dartpfeile) auf eine bestimmte
Fläche
(z.B. eine Wand) wirft, so dass jeder Ort der Wand mit gleicher
Wahrscheinlichkeit getroffen wird. Die Funktion
ordnet der Fläche
bzw. einer bestimmten Teilfläche
der Wand (z.B. einem beliebigen mit einem Stift markierten Kreis) ihren
Flächeninhalt
bzw.
zu. Dann ist die Wahrscheinlichkeit
,
dass das Wurfgeschoss in
auftrifft, proportional dem Verhältnis der Teilfläche zur Gesamtfläche, also
.
Nun sei zusätzlich vorausgesetzt, dass das Wurfgeschoss innerhalb einer
anderen Teilfläche
aufgetroffen ist, die mit der Teilfläche
überlappt. Dann ist die Wahrscheinlichkeit
,
dass das Wurfgeschoss in
auftrifft,
.
Die bedingte Wahrscheinlichkeit
,
dass das Geschoss unter der zusätzlichen Voraussetzung auch gleichzeitig
innerhalb der überlappenden Teilfläche
auftrifft, ist proportional dem Flächeninhalt desjenigen Teils der Fläche
,
der auch in
liegt, also dem Flächeninhalt
der Schnittmenge
.
Umgekehrt ist für eine gleich groß ausfallende Schnittmenge
umso weniger wahrscheinlich, dass ein in
auftreffendes Wurfgeschoss auch in
auftrifft, je größer
vorausgesetzt war. Also ist
umgekehrt proportional zu
.
Somit ergibt sich die Wahrscheinlichkeit eines Auftreffens in
bei zusätzlich vorausgesetztem Auftreffen in
als bedingte Wahrscheinlichkeit
,
also definitionsgemäß.
Weitere Beispiele
- Beispielsweise ist die bedingte Wahrscheinlichkeit P(„die Erde ist nass“ | „es regnet“) (die Erde ist nass, wenn es regnet) meist groß, denn unter der Voraussetzung, dass es zu einem Zeitpunkt regnet, sollte man erwarten, dass die Erde nass wird. Bedingte Wahrscheinlichkeit fragt also nach, wie wahrscheinlich ein Ereignis ist, wenn ich ein anderes bereits kenne. In unserem Beispiel weiß ich, dass es regnet, und frage mich, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Erde nass ist. Offensichtlich unterscheidet sich die bedingte Wahrscheinlichkeit von der unbedingten.
- Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der französisch spricht, ein Franzose ist, ist weder gleich groß der Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der ein Franzose ist, auch französisch spricht, noch ergänzen sich beide Wahrscheinlichkeiten auf 100 %.
- People v. Collins (1968): In diesem Strafprozess in Kalifornien wurde ein Angeklagter unter anderem deswegen zu Unrecht als Bankräuber verurteilt, weil gemäß Zeugenaussagen der Täter – genau wie der Angeklagte – sowohl einen Bart als auch einen Schnurrbart trug, was als selten angesehen wurde. Wer einen Bart trägt, trägt aber sehr oft auch einen Schnurrbart – das Gericht legte seinem Fehlurteil nicht die bedingten Wahrscheinlichkeiten zugrunde, wie es korrekt gewesen wäre.
- Auslosungen im Sport: Im Jahr 2013 standen zwei deutsche und zwei spanische Mannschaften im Halbfinale der Champions-League. Die Wahrscheinlichkeit, dass in dieser Konstellation ein rein deutsches und ein rein spanisches Halbfinale ausgelost werden, beträgt ein Drittel, nicht etwa fünfzig Prozent. Gesucht ist die Wahrscheinlichkeit, dass als zweiter Verein der zweite deutsche (spanische) Verein gezogen wird, unter der Bedingung, dass als erste Mannschaft ein deutscher (spanischer) Verein aus dem Lostopf gezogen wurde. Wenn aber als erste Mannschaft ein deutscher (spanischer) Verein gezogen wurde, ist nur noch eine von drei in der Lostrommel verbliebenen Mannschaften ebenfalls deutsch (spanisch). Daher ist die gesuchte Wahrscheinlichkeit 1⁄3. Das zeigt sich auch darin, dass in diesem Fall sechs Paarungen möglich sind. Die Option eines rein deutschen (spanischen) Finalspiels steht also zwei anderen Optionen gegenüber.
- Dieser einfache Fall ist auch elementar ohne bedingte Wahrscheinlichkeit lösbar: Jede der vier Mannschaften bekommt mit gleicher Wahrscheinlichkeit eine der drei anderen Mannschaften zugelost. Nur eine dieser drei Mannschaften kommt aus dem gleichen Land. Also beträgt die gesuchte Wahrscheinlichkeit 1⁄3.
Siehe auch
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
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 21.10. 2019