Hilbert-Kalkül
Hilbertkalküle sind axiomatische Kalküle für die klassische Aussagenlogik oder die Prädikatenlogik erster Stufe, das heißt Kalküle, in denen sich Theoreme und Argumente der Aussagenlogik oder der Prädikatenlogik erster Stufe herleiten lassen. Die beiden Hauptmerkmale von Hilbertkalkülen sind das Vorhandensein etlicher Axiome oder Axiomenschemata sowie die geringe Anzahl von Schlussregeln – im Fall der Angabe von Axiomenschemata oft nur einer einzigen Regel, des Modus ponendo ponens, und im Fall der Angabe von Axiomen zusätzlich einer Substitutionsregel.
Die Bezeichnung „Hilbertkalkül“ geht auf den Mathematiker David Hilbert zurück, der die als Hilbertprogramm bekannt gewordene und später durch den Gödelschen Unvollständigkeitssatz als unlösbar erwiesene Forderung aufstellte, die gesamte Mathematik und Logik auf ein gemeinsames einheitliches und vollständiges Axiomensystem aufzubauen. In einem engeren Sinn werden gelegentlich nur von Hilbert selbst angegebene Kalküle als Hilbertkalküle bezeichnet, insbesondere der gemeinsam mit Paul Bernays 1934 im Werk „Grundlagen der Mathematik“ angegebene axiomatische aussagenlogische Kalkül.
Da die Arbeiten von Hilbert wiederum auf der Begriffsschrift von Gottlob Frege basieren, werden diese Kalküle gelegentlich auch als "Frege-Kalküle" bezeichnet.
Ein Hilbertkalkül für die klassische Aussagenlogik
Syntax
Neben den Aussagenvariabeln und logischen Konstanten der Objektebene enthält
der hier dargestellte Kalkül das metasprachliche Zeichen ,
wobei
gelesen wird als „
ist aus
herleitbar“.
In einem Hilbertkalkül wird im Wesentlichen mit Hilfe von drei elementaren Operationen Beweis geführt. Handlung (1) ist das Erstellen einer Instanz eines Axiomenschemas. Handlung (2) ist das Aufstellen einer Hypothese, und Handlung (3) ist das Verwenden des Modus ponens.
Axiome
zu Handlung (1): Ein Hilbertkalkül benutzt als Axiomenschemata
aussagenlogische Tautologien,
also Formeln, die unter jeder Zuordnung von Wahrheitswerten
zu den in ihnen vorkommenden Satzvariablen den Wert „wahr“ annehmen. Eine
derartige Tautologie ist zum Beispiel die Aussage ,
die in vielen Hilbertkalkülen als Axiom oder als Axiomenschema verwendet wird.
Verwendet man sie als Axiomenschema, dann fungieren A und B darin als
Platzhalter, die gegen jede andere beliebige atomare Formel ausgetauscht werden
können; verwendet man sie als Axiom, dann benötigt man zusätzlich eine
Schlussregel, die es erlaubt, die Satzvariablen A und B durch andere Formeln zu
ersetzen – eine Substitutionsregel.
Hypothese
zu Handlung (2): Als Aufstellen einer Hypothese bezeichnet man die Handlung, die aus einer gegebenen Formelmenge eine Formel herleitet, die in dieser Formelmenge bereits enthalten ist. Da die gegebene Formelmenge bereits herleitbar ist, muss auch jede einzelne Formel, die Element der Menge ist, herleitbar sein. Beispiel: Man soll aus der Formelmenge M irgendeine Formel herleiten. Die atomare Formel A sei Element der Formelmenge M. Gegeben der Formelmenge M ist A herleitbar. Also können wir A aus der Formelmenge herleiten.
formal:
Sei. Trivialerweise gilt
. Da
Element von
ist, gilt
(die Hypothese).
Modus (ponendo) ponens
Der Modus ponens erlaubt den
Schluss von
(„Wenn A, dann B“) und
auf
.
Im hier dargestellten Kalkül präsentiert sich diese Regel wie folgt:
und
seien Formelmengen und
und
seien Formeln.
- Wenn nun aus der Formelmenge
die Formel
herleitbar ist und wenn aus der Formelmenge
die Formel
herleitbar ist, dann ist aus der Vereinigung von
und
die Formel
herleitbar; in formaler Schreibweise:
Zum besseren Verständnis ein Beispiel für die Anwendung. Gegeben sei ein Hilbertkalkül mit folgenden fünf Axiomen:
Die Aufgabe bestehe darin, aus der leeren Formelmenge ()
die Formel
herzuleiten, also
.
Schritt | Formel | Erläuterung |
---|---|---|
1 | Instanz von Axiom (1) ( | |
2 | Instanz von Axiom (2) ( | |
3 | Modus Ponens aus Schritt 1 und 2. | |
4 | Instanz von Axiom (1) ( | |
5 | Modus Ponens aus Schritt 3 und 4. |
Literatur
- David Hilbert, Paul Bernays: Grundlagen der Mathematik. Band 1 Berlin 1934, Band 2 Berlin 1939
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 02.11. 2021