Bethe-Weizsäcker-Formel
Die Bethe-Weizsäcker-Formel ist eine Formel zur Beschreibung der Bindungsenergie von Atomkernen nach dem Tröpfchenmodell. Bindungsenergie kann als negative potentielle Energie betrachtet werden. Im Tröpfchenmodell werden die Nukleonen wie Moleküle eines inkompressiblen geladenen Flüssigkeitströpfchens betrachtet.
Die halbempirische Formel wurde erstmals 1935 von Carl Friedrich von Weizsäcker aufgestellt. Bekannt wurde sie auch durch die Veröffentlichung und Weiterentwicklung von Hans Bethe (1936). Sie ist auch als Weizsäcker-Formel oder halbempirische Massenformel bekannt.
Formel
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Für einen Kern mit
Neutronen
und
Protonen und
damit einer Nukleonenzahl
ergibt sich die Bindungsenergie
aus fünf Summanden. Bis zu einer Nukleonenzahl
gibt die Formel nur den Trend richtig wieder, darüber beträgt die Abweichung von
den realen Bindungsenergien nur noch weniger als 1 %.
Kleinere Kerne weisen Unregelmäßigkeiten auf, die nicht in der Formel
berücksichtigt sind.
Streng genommen müsste man auch die Bindungsenergie der Elektronen an den
Atomkern beachten. Die Atommasse ist wegen der Bindungsenergie der Elektronen an
den Kern stets etwas kleiner als die Summe aus der Kernmasse und den Massen der
Elektronen. Typische Elektronenbindungsenergien liegen im Bereich von einigen
eV. Im Vergleich zu den Kernbindungsenergien, die im Bereich mehrerer MeV
liegen, kann die Elektronenbindungsenergie daher im Rahmen der möglichen
Genauigkeit der hier behandelten Formel vernachlässigt werden.
Gesamtbindungsenergie
Die gesamte Bindungsenergie eines Atomkerns setzt sich aus fünf Beiträgen zusammen:
Hierbei müssen die Werte für die Parameter
experimentell bestimmt werden, indem die Massenformel an die Bindungsenergien
von mindestens fünf Kernen angepasst wird. Je nach Wahl dieser Kerne variieren
die genauen Werte in der Literatur. Dies liegt dann daran, dass die Formeln für
jeweils andere Massenbereiche optimiert wurden.
Die Formel ist unbrauchbar für sehr leichte Atomkerne mit geringer Nukleonenzahl, für größere Kerne ist sie eine gute Näherung. Aber auch hier kann sie beispielsweise die Magischen Zahlen nicht erklären, erst das Schalenmodell liefert dafür eine Erklärung.
Über die Bindungsenergie lässt sich die gesamte Kernmasse
m berechnen. Es gilt nämlich
mit der Ruhemasse des Neutrons
= 939,553 MeV/c² und der Ruhemasse des Protons
= 938,259 MeV/c². Damit erhält man aus der Bethe-Weizsäcker-Formel eine
Massenformel. Die für den Kern erhaltene Masse lässt sich über die
Beziehung
auch durch eine Energie ausdrücken.
Erläuterung der fünf Beiträge
Volumenanteil
Wegen der konstant angenommenen Dichte ist das Volumen proportional zur Massenzahl. Die Volumenenergie resultiert aus der gegenseitigen Anziehung der Nukleonen aufgrund der starken Kernkraft. Da diese aber äußerst kurzreichweitig ist, trägt immer nur die Wechselwirkung mit den nächsten Nachbarn eines Nukleons zur Bindung bei. Für ein von allen Seiten mit anderen Nukleonen umgebenes Nukleon, wie es in großen Kernen der Fall ist, ist somit die Bindungsenergie unabhängig von der Gesamtzahl der Nukleonen:
Oberflächenanteil
Die Nukleonen an der Oberfläche sind von weniger Nachbarn umgeben als die
Nukleonen im Inneren des Kerns. Dadurch sind sie schwächer gebunden und
reduzieren die Bindungsenergie. Es wird daher ein destabilisierender Term
angenommen, der proportional zur Oberfläche des Kerns ist (negatives Vorzeichen). Der
Oberflächenterm beschreibt das Verhältnis von Oberfläche und Volumen. Die
Oberfläche einer Kugel ist proportional zu
und daher auch zu
.
Wegen
(siehe Volumenanteil) gilt
.
Vor allem bei kleinen Kernen mit wenigen Nukleonen macht sich der
Oberflächenanteil bemerkbar, verliert dann allerdings mit wachsender
Nukleonenzahl an Bedeutung.
Coulomb-Anteil
Ein weiterer destabilisierender Einfluss ist die coulombsche Abstoßung der
gleichnamig positiv geladenen Protonen. Diese Energie ist nach dem coulombschen Gesetz
proportional zum Quadrat der elektrischen Ladung, also der Ladungszahl ,
und umgekehrt proportional zum Radius. Da jedes der
Protonen nur von den anderen
Protonen abgestoßen wird, ist der Effekt eigentlich proportional zu
und nicht zu
,
was aber für große
vernachlässigt werden kann. Der Radius wiederum ist proportional zur Potenz
und damit zu
.
Je größer ein Kern wird, desto größer wird die gegenseitige Coulomb-Abstoßung
der Protonen im Kern, sodass der Coulomb-Anteil für große Kernladungszahlen
immer wichtiger wird. Dies ist auch der Grund dafür, dass Atome nur bis zu einer
Ordnungszahl von 82 (Blei) dauerhaft bestehen können. Aufgrund der eben
genannten Argumente kann der Coulomb-Anteil folgendermaßen genähert werden:
Symmetrieanteil
Dieser Term ist quantenmechanischer Natur und sorgt für ein Gleichgewicht
zwischen Neutronenzahl und Protonenzahl. Er verschwindet für
und schwächt die Bindung mit zunehmender Differenz zwischen Neutronen- und
Protonenzahl. Ein Ungleichgewicht zwischen der Protonenzahl
und der Neutronenzahl
wirkt also destabilisierend auf einen Kern. Es wird daher ein Term proportional
zu
angesetzt. Da das Vorzeichen dieser Differenz keinen Einfluss haben soll, wird
sie quadriert und dann, zur Kompensation des Quadrats, wieder durch
dividiert. Dies ergibt einen Term
Teilweise findet man in der Literatur einen Wert .
Dort wurde die 4 aus dem Nenner mit in die Konstante eingerechnet und taucht in
der Formel nicht mehr auf.
Da sowohl Neutronen als auch Protonen der Fermistatistik folgen, gilt das Pauliprinzip, wonach jeder Quantenzustand nur einfach besetzt werden kann. Der energetisch höchst besetzte Zustand definiert die Fermi-Energie. Die Symmetrieenergie sorgt dafür, dass Neutronen und Protonen dieselbe Fermi-Energie haben.
Paarungsanteil
Die bisherigen Terme werden durch einen weiteren Term ergänzt, der auf der Beobachtung beruht, dass Kerne mit geraden Protonen- und Neutronenzahlen stabiler sind als solche mit ungeraden. Dies findet erst im Schalenmodell des Atomkerns eine Erklärung durch Bildung von Neutron-Neutron- und Proton-Proton-Paaren, jeweils mit Spin Null. Bei ungerader Protonen- und/oder Neutronenzahl bleibt jeweils ein ungepaartes Teilchen übrig, das deshalb lockerer gebunden ist.
Kerne mit gerader Protonenzahl
und gerader Neutronenzahl
(gg-Kerne) sind daher besonders fest gebunden, solche mit ungeradem
und
(uu-Kerne) besonders schwach gebunden, die restlichen (ug- und gu-Kerne) liegen
dazwischen; gg-Kerne stellen die meisten stabilen Nuklide, während von den
uu-Kernen nur die vier leichtesten, 2H, 6Li,
10B und 14N, stabil sind. Der Paareffekt nimmt mit
steigender Nukleonenzahl ab. Als geeigneten Term in der Formel verwendet man
daher
mit
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 07.02. 2020