Die ungeschriebenen Gesetze im Umgang mit Alkohol
Der Umgang mit Alkohol unterliegt in jeder Kultur gewissen Regeln und Normen. Wo ist die Grenze zwischen sozial unauffälligem (normalen), und auffälligem Trinkverhalten. Dem Einzelnen sind diese
kulturellen Regeln nicht bewußt.
Ähnlich wie beim Erwerb der Muttersprach bekommt jedes Mitglied der Gesellschaft im Zuge seiner Entwicklung ein unwillkürliches Gefühl, was seine Umwelt als "richtig" und "normal" bzw.
als "falsch" und unnormal gilt
Im deutschen Sprachraum lassen sich fünf ungeschriebenen Gesetze im Umgang mit Alkohol feststellen.
- Regelmäßiger Alkoholkonsum
- Alkohol gehört dazu
- Alkohol tut gut
- Trinke soviel wie Dein Nachbar
- Alkoholtrinken ist Privatsache
Regelmäßiger Alkoholkonsum ist normal
Die Mehrheit der Bundesbürger trinkt mindestns einmal pro Woche Alkohol, fast ein Viertel aller Erwachsenen trinkt sogar täglich Alkohol. Lediglich eine Minderheit von ungefähr 7 bis 12
Prozent der erwachsenen Bevölkerung lebt vollkommen alkoholabstinent. Eine ähnliche Verteilung findet sich in Österreich und der Schweiz.
Die Normalität des Alkoholkonsums kommt auch darin zum Ausdruck, dass man in Deutschland Alkohol in jedem Lebensmittelgeschäft kaufen und in jeder Gaststätte bestellen kann.
Alkohol gehört dazu In einer Vielzahl von Situationen ist es in Deutschland üblich, Alkohol zu trinken. Die häufigsten Trinksituationen sind hierbei:
- Gesseligkeit Beim geselligen Beisammensein wird das Trinken von Alkohol ganz allgemein erwartet. Etwa 85 Prozent der Bevölkerung sind der Meinung, dass es zum guten Ton gehöre, dass man für Gäste immer alkoholische Getränke bereitält.
- Fernsehen Die verbreitesten Tätigkeiten beim Fernsehen sind Alkoholtrinken, Rauchen und Naschen.
- Kneipen Auch in Gaststätten und Kneipen ist Alkoholtrinken die Norm und keinen Alkohol zu trinken die Ausnahme. Entsprechend ist Alkohol hierzulande noch immer eines der billigsten Getränke.
- Mahlzeiten Beim Abendessen trinken 40 Prozent der Bevölkerung regelmäßig Alkohol, beim Mittagessen sind es 17 Prozent.
- Arbeitsplatz Solange die Arbeitsleistung nicht beeinträchtigt wird, sind die meisten Menschen gegen ein Alkoholverbot am Arbeitsplatz. Etwa 11 Prozent aller Beschäftigten trinken täglich am Arbeitsplatz Alokohl.
Alkohol tut gut Ganz allgemein kann festgestellt werden, es herrscht eine positive Einstellung gegenüber alkoholischen Getränken und ihren Wirkungen. Eine Mehrheit der Bevölkerung ist der Meinung, daß Alkohol:
- bewirke, dass man sich in Gesellschaft wohler fühlt;
- erleichtert den Kontakt mit Menschen, die man noch nicht kennt;
- sei eine angenehme Möglichkeit sich zu entspannen;
- stärke das Selbstvertrauen;
- man sei humorvoller und einfallsreicher;
- helfe über Niedergeschlagenheit und Depresionen hinweg;
- erleichtere sexuelle Annäherung;
- man könne besser abschalten
Wer Alkohol trinkt, nimt gewissermasen eine Art Auszeit im Sinne eines zeitlich begrenzten Rückzuges von allen Verpflichtungen.
Trinke soviel wie Dein Nachbar Es gibt keine klare Vorstellung darüber, wieviel Alkohol man trinken kann und ab wann man besser aufören sollte.
Stattdessen hängt es von der Trinksituation und dem Konsum der Mittrinkenden ab, welche Mengen als angemessen angesehen wird.
Es besteht die Neigung, das eigene Trinkverhalten an den Mittrinkenden zu orientieren. Ganz allgmein wird ein Alkoholkonsum von zwei Viertel Wein oder einem Liter Bier am Tag für "normal" gehalten.
1) Bei einem Fest werden durchaus die doppelten Mengen für normal gehalten.
Alkoholtrinken ist Privatsache Die Mehrzahl der Menschen ist der Meinung, dass man sich bezüglich des Alkoholkonsumes von anderen besser nicht einmischen soll. Die gängigste Meinung:
"Das muss jeder selbst wissen". Die Meisten halten es für unangebracht wenn jemand wegen seines Alkoholkonsumes kritisiert wird und äußern Verständnis dafür, wenn sich der
Betrefende rechtfertigt.
Selbst Familienmitglieder neigen dazu, das Trinkverhalten des Einzelnen so lange wie irgend möglich nach außen hin zu decken.
Insgesamt lassen sich lassen die Trinknormen den Einzelnen mit einem fast unbegrenzten Spielraum bezüglich seines persönlichen Umgangs mit Alkohol alleine. Für den Betroffenen sind oftmals keine
klaren Grenzen erkennbar, ab wann es "genug" ist und sein Alkoholkonsum gefährlich zu werden droht.
Ganz im Gegenteil, hinter den allgemein üblichen und akzeptierten Umgangsformen können im
Einzelfall bereits problematische Verwendungsweisen verborgensein. Selbst entscheidende Schritte bei der Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit, wie gezieltes Wirkungstrinken zur Bewältigung
persönlicher Schwierigkeiten, täglicher Alkoholkonsum oder eine Steigerung der Trinkmenge bis zum häufigen Rausch, werden niemandem auffallen, solange dies alles in geselligen Situationen geschieht.
1) Die Diskussion um die 0‰ Grenze in Deutschland ist dafür eigentlich der deutlichste Ausdruck.
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Datum der letzten Änderung: Jena, den : 23.11.2012